Ein Leuchtturm im Sturm
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Ein Leuchtturm im Sturm
Der Biologe Clemens Arvay, der den Freitod gewählt hat, zeigte
in der politischen Auseinandersetzung eine Fairness und Sachlichkeit,
die seinen Gegnern leider nicht eigen war.
von
Dietrich Klein
Niemand wird je mit Sicherheit sagen können, was in Clemens
Arvay in den Stunden und Tagen vor seinem Tod genau vorging. Wer ihn
aber relativ gut kannte, wie der Autor, kann plausible Hypothesen
darüber anstellen. Arvay war kein typischer Kämpfertyp, eher ein
feinsinniger Wissenschaftler, Künstler und Naturfreund, der sich nicht
ohne Grund gern vor den Menschen zurückzog. Er glaubte an die heilsame
Wirkung sachlicher Auseinandersetzung und gewaltfreier Kommunikation.
Sein Unglück war, dass die Feinde, die er durch seine kritische Haltung
in der Gesellschaftskrise der letzten Jahre auf sich gezogen hatte, dies
ganz anders sahen. Die wollten ja nicht verstehen und einen Diskurs
führen, sondern verletzen und diffamieren, um einen Gegner mundtot —
zumindest in der Öffentlichkeit unmöglich zu machen. Die gemeinsame
Trauer kann uns diesem Menschen nahebringen, dem man am besten gerecht
wird, indem man seine Erkenntnisse um- und sein Werk fortsetzt. Es
bleibt die Erinnerung an ein in seiner Kürze reiches Leben, in dem
wissenschaftliche Sorgfalt ebenso ihren Platz hatte wie der Klang der
Blockflöte oder der Duft der Zirbelkiefer. Ein Nachruf zu Clemens Arvay.
Es sind dunkle Zeiten, tiefdunkle Zeiten inmitten der globalen
gesellschaftlichen Krise, die im März 2020 begann. Die Menschen sind
verwirrt, leiden unter einer Bedrohung, die ihre Gesundheit betreffen
soll und die real aber auch zugleich abstrakt zu sein scheint. Alle
suchen in dieser Zeit nach Orientierung, und die meisten entscheiden,
sich den düsteren, aber wenigstens allgemein anerkannten
Schreckensprognosen über eine rapide um sich greifende tödliche
ansteckende Krankheit hinzugeben und auf die Erlösung zu hoffen, die
eine moderne Gesellschaft mit ihrer Hochkultur der Wissenschaft und
Technologie sicher bald bereitstellen würde.
Auf dieses Gedankennetz haben sich die meisten Menschen als
allgemeingültigen Konsens geeinigt. Wenn es da nicht wenige vereinzelte
Menschen gäbe, die mit einer diametral anderen Deutung der
Krisensituation daherkommen und das sicher geglaubte Gedankengebäude zu
verändern versuchen.
Zu genau diesen Personen zähle ich Clemens Arvay. Er tauchte
plötzlich aus dem weitgehend homogen geknüpften Informationsnetz auf und
fing an, einzelne Knoten zu lösen und die Knotenpunkte neu zu
verbinden. Das Besondere dabei war, dass er sich genau der Methode des
unangefochtenen Glaubensprinzips unserer modernen Gesellschaft — der
Wissenschaft — bediente.
Ich selbst bin Ingenieur und komme daher aus einer Disziplin, die nur
durch stringente Anwendung von Logik und Beachtung von Kausalketten
überhaupt ansatzweise funktioniert. Kein Auto würde beim Anlassen auch
nur einen Mucks von sich geben, kein Flugzeug nur einen Millimeter
abheben, und keine Brücke würde stehen bleiben, wenn Ingenieure sich
nicht knallhart an die Naturgesetze der Mechanik halten würden, die
Gelehrte der Vergangenheit als wiederkehrend in der Natur erkannt haben.
Mit diesem Denkmuster bin ich damals auch an die Analyse unserer
Gesellschaftskrise herangegangen und war immer wieder überrascht und
unbefriedigt, dass es zwar einen allgemeingültigen wissenschaftlichen
Konsens über eine globale Gesundheitsbedrohung zu geben schien, die
Herleitung der Kausalkette auf die zugrundeliegende Ursache jedoch nicht
vollständig nachvollziehbar war.
Wer kann und will schon den Myriaden von Informationen und Studien im
Detail auf den Grund gehen, um zu prüfen, ob das bereits als
allgemeingültig anerkannte Paradigma wirklich auf soliden Füßen steht?
Der Biologe Clemens Arvay. Er ist mir in der Verzweiflung, in der ich
mich wegen der Deutung der globalen Krise befand, wie ein Leuchtturm im
Sturm aufgefallen. Er hat seinen wissenschaftlichen Geist und Fleiß und
seine Fähigkeit zum knallharten logischen Denken genutzt und
messerscharfe Analysen medial und in Büchern für die wachsende Zahl
ganzheitlich denkender Menschen aufbereitet. Es waren also durch ihn
plötzlich sehr klare logische Zusammenhänge mit Tiefgang sichtbar, und
die Gruppe der Menschen, die ihm folgten, konnten sich ein wesentlich
besseres Bild von der Situation und den möglichen Auswegen daraus durch
medizinische Maßnahmen machen.
Dabei hat er sich klug und undogmatisch verhalten und jedem Menschen
immer die Freiheit gelassen, sich auf seine Erkenntnisse einzulassen
oder eben nicht.
Seine Buchtitel waren in dieser kritischen Zeit eher mit einem
Fragezeichen als mit einem Ausrufezeichen formuliert und positiv
konnotiert. So wie eines seiner letzten Schlüsselbücher zu dem Thema:
„Wir können es besser“. Darin vertritt er die Kernthese, eine gesündere
Welt zu schaffen, durch den Ansatz, Medizin stärker ökologisch und nicht
nur stofflich mechanistisch zu definieren.
Er fordert in dieser Hinsicht einen Umbruch und sieht den positiven
Dialog, in dem wir körperlich und seelisch mit unserer Umwelt und der
Natur stehen sollten, als den Schlüssel für eine nachhaltige Gesundheit
des Individuums und der Gesellschaft. Er kämpfte unermüdlich, die
Menschen für einen besseren Weg zu Gesundheit aufzuklären, an seinem
Wissen teilhaben zu lassen, eben auch in einer Zeit, in der es sehr
schwer geworden war, breitere Bevölkerungsgruppen noch medial zu
erreichen.
Er wurde ob seiner alternativen Ansichten zum allgemeinen Konsens
ausgesperrt aus dem medialen Betrieb der Mainstream-Meinung, in dem er
sich in der Vergangenheit als respektabler Gast in Talkshows und mit
wissenschaftlichen Büchern und Fachartikeln souverän bewegt hatte.
Seine Persönlichkeit und wissenschaftliche Karriere als Biologe wurde
— und das muss man hier ganz deutlich sagen — auf maximal boshafte
Weise über die allgemeingültigen „Wissensplattformen“ und durch
sonderbare Gegenspieler in der Blogger- und Vlogger-Szene in den Dreck
gezogen.
Hier zeigt sich plötzlich Clemens Arvays Verletzlichkeit. Seine
Achillesferse. Er definierte seine Persönlichkeit stark über seine
Karriere und Reputation und fängt an, sich zu wehren. Auf Menschen, die
es wagten, ihn mit Unlogik und eben meist auch diffamierend zu
konfrontieren, reagiert er konsequent. Neben seinen sonst sehr
informativen Analysen über die Studienlage zur Bekämpfung der
Gesundheitskrise gab es jetzt einen harten medialen Schlagabtausch vom
Feinsten auf den sozialen Medienplattformen mit seinen Gegenspielern.
Er konnte die Dinge nicht so stehen lassen. Er hat sich aufgerieben,
hat für sich nicht realisiert, dass er in dieser Hinsicht auf verlorenem
Posten stand. Er hätte den übermächtigen Sturm vorüberziehen lassen
müssen und nicht versuchen sollen, gegen ihn anzukämpfen und seine
mentalen Reserven damit aufzubrauchen, die er noch für wichtigere Dinge
gebraucht hätte. Er ist damals schon, wie wir heute durch seinen
vermutlichen Freitod im Februar 2023 deuten können, bereits auf ein
Märtyrertum zugesteuert. Er hat sich seelisch aufgebraucht. Soweit
zumindest meine Analyse aus den leider nur fragmentarischen Einsichten
in seine Persönlichkeit.
Dieser mediale Schlagabtausch, für den er so viel Energie aufwendete,
war aber für Logiker durchaus ein Hochgenuss und fast mit derselben
Spannung wie auf die wöchentlich erwartete Krimiserie herbeigesehnt,
wenn er ein Reaktionsvideo auf einen Angriff seiner Person und
Reputation im Internet veröffentlichte.
Diese Fähigkeit und Standhaftigkeit hat vielen seiner Follower, die
sich selbst vielleicht nicht so klug und sachlich äußern und wehren
konnten, ein Gefühl der Stärke und Sicherheit vermittelt. Er war für
mich unangefochten einer der ganz großen Kämpfer für einen klares Denken
in Zeiten großer Unsicherheit und Verwirrung. Es war aber auch deutlich
zu sehen, dass dies ein riesiger Kraftakt war. Er wirkte sehr angefasst
wegen der meist sehr unsachlichen und persönlichen Angriffe auf ihn.
Ich kann mich an keinen Angriff auf ihn erinnern, bei dem über die Sache
gefochten wurde. Es waren ausschließlich Diffamierungen persönlicher
Natur. Er konnte sich schlecht abschotten.
Diese Angriffe sind direkt in seine Seele eingesickert, haben dort gewütet und begonnen, ein Zerstörungswerk anzurichten.
Ich kannte Clemens erst seit 2020, aber wenn man zurückschaut in
seine Arbeit vor dieser Zeit, entdeckt man keinen knallharten Kämpfer
für die Sache, sondern einen sensiblen, feinsinnigen Naturmenschen,
Musiker, Gelehrten und bereits als Buchautor Prominenten, der von der
Gesellschaft hätte getragen werden müssen, damit sie nachhaltig von
seinem Genius profitieren kann. Allein die Titel der für sein kurzes
Leben unerschöpflichen Anzahl and Büchern, die an anderer Stelle
inhaltlich detaillierter besprochen werden sollten, wirken sensibel, ja
fast poetisch: „Heilungscode der Natur“, „Mit den Bäumen wachsen wir in
den Himmel“, und sein Bestseller, mit dem er am meisten Bekanntheit
erlangt hat, zum Thema Heilung aus dem Wald: „Der Biophilia-Effekt“
(siehe Link auf ergänzenden Artikel zu dem Buch am Ende des Texts).
Die Traumreise mit einem wunderbaren Menschen
Ich möchte an dieser Stelle gerne noch eine persönliche Geschichte
erzählen, in der ich Clemens persönlich kennen lernen durfte und auf
drei große gefühlsmäßige Abenteuerreisen mit begleiten konnte. Clemens
war Forscher mit einer bereits beachtlichen universitären Karriere. Er
erforschte die Schnittstelle Mensch und Natur, und auf besonders
gründliche Weise den Einfluss der Natur und vor allem des Waldes auf die
Gesundheit des Menschen. Im Jahr 2021 suchte unsere Familie ein
Schicksalsschlag heim und meine liebe Frau erhielt nach acht Jahren die
erneute Diagnose eines fortgeschrittenen Brustkrebs-Rezidivs. Wir sind
den Empfehlungen unseres Onkologen gefolgt, um eine Heilung
voranzubringen.
Clemens hat in dieser Zeit seine Doktorarbeit vorbereitet, in der er
über den Zusammenhang vom Aufenthalt in der Natur und im Wald auf die
Gesundheit des Menschen forschte. Er suchte eine erste Gruppe von
gesunden Frauen und Frauen mit Brustkrebsdiagnose als Probandinnen, die
an einer Studie zum sogenannten Waldbaden teilnehmen sollten. Diese
Teilnahme war verbunden mit zwei Blutabnahmen am Anfang und Ende des
Aufenthaltes im alpinen Wald des Naturparks Zirbitzkogel in der
österreichischen Nordsteiermark. Waldbaden unter dem stark nach
terpenhaltigen Substanzen duftenden Harz, der dort heimischen
Zirbelkiefer: Nichts Schöneres konnten sich meine erkrankte Frau und ich
als Erholung und Ergänzung zu der bereits abgeschlossenen
schulmedizinischen Krebsbehandlung als Weg zur Gesundwerdung vorstellen.

Die Frau des Autors beim Waldbaden unter einer alten Zirbelkiefer am Zirbitzkogel in der Steiermark, Österreich im Sommer 2021
Eine japanische Studie zum Waldbaden war wegweisend und
vielversprechend, und Clemens Arvay konnte europäische Forschungsgelder
über seine Universität in Graz sichern, um die positiven Ergebnisse der
asiatischen Studie auch in den Wäldern Europas nachzuvollziehen. So
schlimm uns das Schicksal mit der schweren Erkrankung meiner Frau
erwischt hatte, so froh war ich doch, dass wir uns durch die Teilnahme
an dieser wunderbaren Studie in der freien Natur aufhalten konnten, von
einem Menschen geleitet, den ich durch seinen scharfen Geist bereits
sehr bewunderte. Ich war neugierig, kannte Clemens ja nur aus Videos und
über seine Buchbeiträge.
Er war für mich auf gewisse Weise eine ganz besonders große
„Celebrity“ unserer Zeit. Die erste Begegnung in der Hotellobby. Wie ein
Waldjunge mit feinem wehendem Zopf und kurzen Hosen stand er plötzlich
im Raum und grüßte die Teilnehmer ruhig. Ich hatte von ihm eher den
Eindruck eines scheuen Rehs als des toughen, schnell redenden
Video-Blogger, den ich kannte. Er war verletzlicher und sensibler, als
ich ihn mir vorgestellt hatte. Höflich, feinfühlig, aber auch auf eine
gewisse Art zunächst unnahbar und zurückgezogen.
Wir haben zwei wunderbare unvergessliche Tage gemeinsam mit ihm und
seinem Team aus Helfern verbracht. Zu denen gehörte auch ein Vertrauter
von Clemens Arvay, ein Arzt und Vertreter der Naturmedizin, der die
Einrichtung und Nutzung von Gärten in Krankenhäusern zur schnelleren
Genesung der Patienten vorschlägt und praktisch umsetzt. Er war für die
regelmäßige gesundheitliche Überwachung der Probandinnen und für die
Blutabnahmen vor Ort verantwortlich, und Clemens Arvay hat durch die
gute Zusammenstellung eines so kompetenten Teams große Sorgfalt für die
Sicherheit und das Wohlbefinden seiner Probandinnen verwendet.
Clemens hat die Gruppe wunderbar begleitet mit interessanten
Vorträgen, die sehr akademisch am Flipchart, aber eben unter den
wunderbaren Zirbelkiefern im Freien gehalten wurden. Jede Minute der
Exposition der Probandinnen in der harzdurchtränkten Waldluft wurde
genutzt. Wir sollten die Zirbelkiefernzapfen sammeln und uns zusätzlich
ans Kopfende unseres Bettes legen, wir sollten die Bäume anfassen,
direkt dem Harz exponiert sein. Noch heute liegen die schönen Zapfen an
meinem Bett daheim.
Clemens war nahe bei der Gruppe, hat fotografiert und dokumentiert,
regelmäßig Messungen der Umweltfaktoren wie Temperatur, Wind und Regen
vorgenommen und diese in seinen Unterlagen notiert. Der Arzt und die
Helfer waren angewiesen, regelmäßig Blutdruck und Blutsättigung der
Probanden zu messen. Es wurde unter Clemens‘ Leitung also hochpräzise
und wissenschaftlich gearbeitet und dokumentiert.

Clemens Arvay bei Messung und Dokumentation der Umweltparameter
während der Kontrollgruppe der Waldbaden-Studie im Stadtpark von Wien im
Sommer 2022.
Seine Genauigkeit im Denken, die in seinen Video-Blog-Beiträgen und
Büchern zu erkennen ist, lebte er auch in jeder Pore während seiner
Forschungsarbeit. Es war eine einmalige Erfahrung, so nah dran zu sein,
wenn Menschen wie Clemens Wissen schaffen und präzise Wissenschaft
betreiben. Er hat sich zwischendurch auch abgesondert und die Natur
fotografiert oder still nachgedacht. Ich habe ihn aus der Entfernung
beobachtet und einige wunderbare Bilder von ihm in der Natur ablichten
können.
Ein kleines, spontan improvisiertes Konzert mit einigen
Teilnehmerinnen brachte mich tief zum Nachdenken und zum Weinen. Es war
sehr wehmütige und schöne, zugleich teils fröhliche Musik, die Clemens
improvisierte. Er war immer mit verschiedenen Instrumenten ausgestattet,
die er dann spontan parat hatte. In diesem Fall eine Gitarre. Die Musik
war wie eine Trance, in der ich gedanklich in die schwere Erkrankung
und den möglichen Tod meiner Frau eingehüllt war und getrauert habe.
Clemens konnte sich musikalisch so wunderschön und sensibel
ausdrücken. Es war zauberhaft, aber hatte auch etwas von der Tiefe und
Schwere in seiner Seele offenbart.

Clemens Arvay und sein Team bei der gesundheitlichen Überwachung und
Dokumentation mit einer Probandin, der Frau des Autors, am Zirbitzkogel
in der Steiermark, Österreich im Sommer 2021.
Die Traumreise war schon fast wieder vorbei, als ich mit Clemens, der am
Anfang privat eher unnahbar wirkte, ein langes intensives Gespräch am
letzten Abend im Restaurant des Kurhotels, in dem wir untergebracht
waren, führen konnte. Ich befragte ihn darüber, wie er sich in der Zeit
vor der Gesellschaftsreise bewegt hat, wie er in der jetzigen Situation
auch mit den starken Angriffen auf seine Person klarkommt und was ihn
privat bewegt.
Er berichtete von seinen Erfolgen als Spezialist zu biologischen
Fragen in Talkshows im öffentlichen Fernsehen, die abrupt endeten, als
er begann, eine andere wissenschaftliche Deutung der Dinge zu vertreten.
Er litt unter dem mangelnden Diskurs, den er in der Wissenschaft bisher
gewohnt war, machte auf mich zu diesem Zeitpunkt aber nicht den
Eindruck, dass er daran zerbrechen könnte. Er war für mich der
standhafte Clemens, wie viele von uns ihn aus seinen Vlog-Beiträgen
kannten. Er sprach nur sehr am Rande über Privates, und ich habe erst
nach mehreren Gesprächen und externen Quellen herausgefunden, dass er
seinen kranken Sohn zuhause betreut. Darüber hat er kaum gesprochen, und
der sonnige, etwas scheue und hochgeistige Mensch Clemens Arvay war der
Mensch, den ich kennenlernen durfte.

Clemens Arvay, der Wissenschaftler im Wald, bei persönlichen
Naturbeobachtungen am Zirbitzkogel in der Steiermark, Österreich im
Sommer 2021.
Meine liebe Frau ist knapp ein Jahr nach dieser Traumreise auf den
Zirbitzkogel doch an den Folgen ihrer schweren Krebserkrankung
verstorben. Der Aufenthalt mit Clemens im Wald hat ihr letztes
Lebensjahr zauberhaft begleitet, und ich denke, auch geholfen, ihr
Leben zu verlängern. Mit Clemens bin ich in Kontakt geblieben, und kurz
nach ihrem tragischen Tod hat er mich und meinen ältesten Sohn erneut zu
einer Studiengruppe, dieses Mal mit Männern, auf den Zirbitzkogel und
zu einer Kontrollgruppe in den Stadtpark nach Wien eingeladen.
Die These, die es im Rahmen seiner Doktorarbeit zu untersuchen galt,
war, den Effekt der phenolharzigen Ausdünstungen des in dieser Hinsicht
sehr reichhaltigen Gewächses der Zirbelkiefer für einen heilenden Effekt
bei Menschen nachzuweisen. Dieser Gesundheitseffekt sollte über
verschiedene Blutmarker dann wissenschaftlich erhärtet werden. Aus
diesem Grund die Kontrollgruppe im Stadtpark Wien unter ähnlichen
äußeren Bedingungen, aber ohne den Einfluss der Zirbelkiefer.

Clemens Arvay motiviert die zweite Gruppe der Probanden von Männern
zu Studienzwecken, regelmäßig den Duft der Zapfen der Zirbekiefer zu
inhalieren. Zirbitzkogel Österreich im Sommer 2022.
Auch diese beiden wunderbaren Ausflüge ins Grüne zum Wohle der
Wissenschaft waren zauberhaft, und Clemens, durch den Tod meiner Frau
berührt, war noch offener und persönlicher als vorher. Wir waren im
Gebirge am Zirbitzkogel in einem großen Stiftkloster untergebracht, in
deren Kapelle Clemens uns zum Gedenken an meine verstorbene Frau ein
kleines Gedenkkonzert auf einer Bass-Blockflöte improvisiert hat.
Anwesend waren in der späten Nacht nur noch sein Begleiter, der
befreundete Naturarzt.
Clemens‘ Spiel auf zwei verschiedenen Flöten, eine aus Plastik, die
er für seine Ausflüge ins Freie besorgt hatte, und noch wunderbarer auf
der aus Holz, war verzaubernd. Ich will gerne diese stillen Momente der
Trauer und Besinnung, in die uns Clemens in der kleinen Kapelle versetzt
hat, als kleines Vermächtnis mit allen teilen, die um ihn trauern. Die
Improvisation galt meiner Frau, und ich sehe sie im Nachgang auch als
eine vorgezogene Trauer um Clemens und seine Seele, die so fein und
verletzt war, was ich zu diesem Zeitpunkt in dieser Tragweite noch nicht
wahrgenommen habe.

Ein ganz privater, sensibler Clemens Arvay, der ein Kraftbad und
Powernap in der Sonne abseits der Probandengruppe am Zirbitzkogel nimmt.
Zirbitzkogel Österreich im Sommer 2022.
Wir alle sind immer wieder vom Tod betroffen und berührt.
Und wenn uns besonders nahe Menschen oder große Menschen, die uns
inspiriert und getragen haben, verlassen, können wir besonders tief in
die Trauer eindringen. Der Mensch, um den wir trauern, schwingt dann in
uns weiter. Und wenn es uns gelingt, durch diese Trauer die Resonanz
dieser Menschen in uns und um uns am Leben zu halten, dürfen wir auch
lebenslang trauern, ohne uns zu verzehren.
Meine Frau, die kein Jahr vor Clemens gegangen ist, und Clemens waren
beide noch sehr jung, und mit Mitte 40 fast gleich alt. Sie schwingen
in uns weiter und ermutigen uns, zu leben und das Leben in vollen Zügen
bewusst zu erfahren und auszukosten. Das ist unsere Aufgabe, und mit
dieser Haltung werden wir es auch schaffen, die dunklen Zeiten gut zu
überstehen und immer wieder Licht in unsere Seele und die unserer
Mitmenschen in unserer globalen Gesellschaftsfamilie zu tragen.
Quellen und Anmerkungen:
Gedanken zum Werk von Clemens Arvay machte sich Roland Rottenfußer auch in folgendem. älteren Artikel:
Die Liebe zum Leben
Eine Einladung zu mehr Lebendigkeit und „Biophilie“.
von Roland Rottenfußer
Wir lieben, was unseren Bedürfnissen entgegenkommt und was uns glücklich macht. „Biophilie“ bedeutet Liebe zum Leben, zum Lebendigen. Der Begriff wurde von dem Psychotherapeuten Erich Fromm geprägt und bezieht sich interessanterweise zunächst auf eine Charakterorientierung. Der Autor und Biologe Clemens G. Arvay hat dieses Phänomen in seinem Buch „Der Biophilia-Effekt“ sehr anschaulich dargestellt. Er liefert eine Fülle von auch wissenschaftlich untermauerten Fakten über die positive Wirkung von Naturerleben auf unsere Gesundheit. Seine wichtigste These: „Unsere Biophilia ist eine Schöpfung der Erde, auf der wir leben. Sie verbindet uns mit unserem Heimatplaneten“. Umgekehrt wird das Schwinden der Liebe zum Lebendigen auch ökologisch zur Gefahr.
Im Juni über die Weinberge laufen nahe Balatonkeresztúr am
ungarischen Plattensee – es ist ein wahres Paradies, das meiner Frau und mir während einiger Urlaubswochen vergönnt war. Gerstenfelder erstrecken sich dort, in goldenes Abendlicht getaucht, flauschig wie das Fell eines riesigen Tieres. An ihren Rändern leuchtet in dunklem Lila der Rittersporn und in hellem Rot der Mohn. Sich abwechselnd mit Mais, Weinstöcken, Obstgärten und kleinen Wäldern wiegt sich das Getreide im weichen Wind. Weiße Schmetterlinge fliegen gelegentlich auf, Sperlingsschwärme und Elstern.
Die prallen Kirschen wachsen einem buchstäblich in den Mund, frei
zugänglich am Wegrand. Schon deuten sich auch Pflaumen und Pfirsiche für
eine künftige Ernte an, und die Bienenweiden sind bunt gesprenkelt von
Klee, Kronwicken und Witwenblumen. Die Linden duften süß und brummen vom
Ansturm der Hummeln auf ihre blassgelben Blüten. Grün und winzig sind
noch die Weinbeeren und versprechen künftigen Saft und Rausch. Selbst
den Wintertee für kältere Zeiten kann man vorsorglich in Tüten packen:
Kamille, Salbei, Thymian und Johanniskraut. Von manchen Stellen sieht
man in der Ferne die riesige spiegelnde Fläche des Balaton vor dem
imposanten Tafelberg Badacsony.
Eine solche Landschaft rührt unwillkürlich etwas in uns Menschen an
und versetzt uns in eine Hochstimmung, wenn wir bereit sind, uns dafür
zu öffnen. Ihre Ausstrahlung ist gesund, einladend, glücksverheißend
„Satt und ungeheuer fett“ hatte Konstantin Wecker über den nahenden
Sommer geschrieben.
Auch ein Bergwald mit seiner wilden Schönheit spricht die Sinne an
und vermittelt ein Wohlgefühl. Eine solche fruchtbare „Kulturlandschaft“
jedoch strahlt noch etwas anderes aus: Sicherheit, das Versprechen,
dass wir uns notfalls von diesem Land nähren könnten. Vielleicht trügt
diese Verheißung – wir können uns nicht alles nehmen, es gehört den
Bauern –, aber das Wohlgefühl, das sich unwillkürlich einstellt, ist
unbewusster Natur. Wir lieben, was unseren Bedürfnissen entgegenkommt.
Die Wiederentdeckung der Naturromantik
Der Autor und Biologe Clemens G. Arvay hat dieses Phänomen in seinem
Buch „Der Biophilia-Effekt“ sehr anschaulich dargestellt. „Die
strahlende Naturromantik spiegelte meine eigene Sehnsucht nach
artgerechten menschlichen Lebensräumen wider“, schreibt er dort über ein
eigenes Erlebnis.
„Der Homo sapiens entwickelte sich über Jahrmillionen aus der
Natur, in der Natur und mit der Natur. Klar sind wir, aus evolutionären
Gesichtspunkten, innerlich mit natürlichen Lebensräumen mehr verbunden
als mit städtischen, technologischen und hochmodernen.“
Offenkundig wird vor diesem Hintergrund auch, warum sich bestimmte
Naturphänomene besonderer Beliebtheit erfreuen: plätschernde Bäche etwa
oder spiegelnde Wasseroberflächen, die den Suchenden in archaischen
Zeiten schon von weitem signalisierten, dass sie hier überleben konnten.
Fruchttragende Pflanzen im Allgemeinen: Obstbäume, Beerensträucher,
Pilze und Kräuter, auch Blütenpflanzen, obwohl diese meist nicht
unmittelbar essbar sind. Wo Bestäubung stattfindet, wächst später oft
eine essbare Frucht – und manchmal fällt auch süßer Honig ab.
Dieser Wohlfühleffekt hat gesundheitlich erhebliche Vorteile, wie der
Autor auch anhand von Beispielen aus der Gehirnforschung belegt:
„Das Reptiliengehirn und das limbische System sind also
maßgeblich ausschlaggebend dafür, ob wir uns an einem bestimmten Ort
beziehungsweise in einer bestimmten Situation entspannen können oder ob
wir uns im Alarm- und Fluchtmodus befinden. Sich in der Natur
aufzuhalten, führt im Gegensatz zum hektischen Alltag oft in den
Entspannungsmodus.“
Der „Savannen-Effekt“
Es gibt sogar einen Namen für unsere Vorliebe für besonders
lebensfreundliche Landschaften: den „Savannen-Effekt“. Nicht in dunklen
Wäldern fühlen wir uns meist am wohlsten, weil diese wenig Essbares
bereithalten und weil aus unübersichtlichem Gestrüpp leicht jederzeit
Angreifer hervorbrechen könnten. In aufgelockerten Graslandschaften, die
teilweise von Bäumen und Sträuchern bewachsen sind, fühlen wir uns
dagegen sicher, weil wir den „Feind“ schon in der Ferne kommen sehen.
Und weil diese Landschaften ideale Bedingungen für mannigfaches
Pflanzenwachstum bieten. Parklandschaften sind unter anderem deshalb
beliebt, weil sie menschengemachte „Savannen“ darstellen. Auch die
geschilderte inspirierende Landschaft am Plattensee folgt diesem Muster.
„Unsere Biophilia ist eine Schöpfung der Erde, auf der wir leben. Sie verbindet uns mit unserem Heimatplaneten.“
So Arvay.„Biophilia“ (oder Biophilie) bedeutet Liebe zum Leben, zum
Lebendigen. Der Begriff wurde von dem Psychotherapeuten und Philosophen
Erich Fromm geprägt und bezieht sich interessanterweise zunächst auf
eine Charakterorientierung, besitzt sogar eine ethische Komponente.
„Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen“
heißt eines der wesentlichen Bücher Fromms zum Thema. Dort leitet er
Biophilie zunächst von deren Gegenteil ab: der Nekrophilie (Liebe zum
Tod oder zum Toten). Den Begriff „Biophilia-Hypothese“ verwendete der
Evolutionsbiologe Edward O. Wilson 1993 (also erst nach Fromms Tod). Er
sprach in seinem Buch von dem „menschlichen Bedürfnis, sich mit anderen
Lebewesen zu verbinden“ und setzte sich für Artenvielfalt ein. Ob Wilson
die Bücher Fromms zum Thema gekannt hat, bleibt unklar.
Pflanzen und ihre „Vokabeln“
Keine Zweifel kann es mehr geben an der gesundheitlich wohltuenden
Wirkung der Natur auf den Menschen. „Waldspaziergänge sind gesund“ –
dies ist weitaus mehr als ein Klischee, eine von medizinischen Laien
eher „gefühlte“ Erkenntnis. Wie Clemens G. Arvay in seinem Buch
ausführlich darstellt, kommunizieren Pflanzen über chemische Substanzen
miteinander. Sie senden Moleküle aus, etwa um andere Pflanzen vor
Schädlingen zu warnen.
Sogar die Frage, welcher Fressfeind sich nähert, kann über diese
„Pflanzenvokabeln“ präzise beantwortet werden. Bäume bilden aufgrund
solcher Alarmsignale seitens ihrer Artgenossen vorsorglich Abwehrstoffe
gegen die Schädlinge, ohne selbst mit ihnen in Berührung gekommen zu
sein. Von Menschen werden diese Moleküle meist als angenehme Düfte
wahrgenommen.
Etwa 2000 solcher „Vokabeln“ hat die Wissenschaft mittlerweile
identifiziert. Die meisten von ihnen gehören zur Gruppe der Terpene.
Diese schützen Bäume vor Sonneneinstrahlung, können erwünschte Insekten
und Tiere anlocken, unerwünschte abschrecken oder gar töten. Wichtig ist
nun die positive Wirkung der Terpene auf unsere Gesundheit. „Einige
unter den Terpenen interagieren auf höchst gesundheitsfördernde Weise
mit unserem Immunsystem. (…) Waldluft ist wie ein Heiltrunk zum
Einatmen“, schreibt Arvay. Traditionell nennen die Japaner das
wohltuende Einatmen von Waldluft „Shinrin-yoku“ (Waldbaden).
Heute ist Shinrin-yoku eine vom japanischen Gesundheitssystem
sorgfältig erforschte und geförderte ergänzende Behandlungsmethode bei
vielen Krankheiten. Arvay findet das nur logisch: „Pflanzen reagieren
auf Terpene häufig mit einer Steigerung ihrer Abwehrkräfte. Unser
Immunsystem reagiert ebenfalls mit einer Stärkung der Abwehrkräfte.“
Terpene wirken auch auf unser Hormonsystem und reduzieren Stress – ein
Effekt, den man ohne weiteres aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann.
Bäume machen gesund
Selbst der Krebsvorsorge können Aufenthalte in der Natur dienlich
sein. Clemens G. Arvay unter Berufung auf Forschungsergebnisse der
Nippon Medical School in Tokyo: „Wenn Sie zwei Tage hintereinander in
einem Waldgebiet verbringen, können Sie die Anzahl Ihrer natürlichen
Killerzellen um mehr als fünfzig Prozent steigern.“ Freilich ist dieser
Effekt im Inneren eines baumreichen Waldes am stärksten ausgeprägt. In
„Savannen“-Landschaften und Anbaugebieten vieler Kulturpflanzen tritt er
nur reduziert auf. Diese Landschaftsformen wirken aber auf andere Weise
heilsam: durch ihre Freude spendende Fruchtbarkeit.
Zu vergleichbaren Ergebnissen gelangte auch das Forscherehepaar
Rachel und Stephen Kaplan aus Michigan, USA. Beide betonen besonders den
erholsamen Effekt der Natur-Faszination.
Im Alltag sind wir oft gezwungen zu „gerichteter Aufmerksamkeit“, der
unter Leistungsdruck erbrachten Fokussierung auf ein Sachthema, auf
Texte oder Zahlen. Diese Form der verengten Aufmerksamkeit ermüdet den
Geist und schmälert unsere natürliche Daseinsfreude.
Natur-Faszination dagegen ermöglicht einen weiten, sanften und
schweifenden Blick, gelenkt nicht durch Willenskraft, sondern durch die
Naturphänomene selbst, die uns abwechselnd in ihren Bann ziehen.
Am Staffelsee in Südbayern gehe ich zum Beispiel mit Vorliebe in
Ufernähe spazieren. Dort kann der Blick ungezwungen zwischen dem Fern-
und dem Nahbereich wechseln, und überall findet er Schönheit:
Moorlandschaft, See und Alpenpanorama bilden den Hintergrund,
Trollblume, Schwertlilie oder Schwalbenwurz-Enzian den Vordergrund, und
gelegentlich sieht man sogar ein Reh bei einem Wäldchen stehen – wie
erstarrt zunächst, bevor es das Weite sucht.
Selbst minimale Natureindrücke – etwa ein Baum vor einem Fenster –
sind offensichtlich heilsam. Das Ehepaar Kaplan hat 1200 Büroangestellte
befragt, von denen die Hälfte aus ihrem Fenster Ausblick auf
Grünflächen hatten. Die Kontrollgruppe hatte keinen solchen Ausblick.
Die „Natur-Gruppe“ gab deutlich seltener an, unter
Konzentrationsstörungen zu leiden und über ihre Arbeit frustriert zu
sein. Sie zeigte signifikant mehr Freude an ihrer Arbeit.
Auch Kinder mit sogenannter Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS)
profitieren ohne Zweifel von Naturerfahrungen. Der Sachbuchautor Richard
Louv spricht in diesem Zusammenhang vom „Ritalin der Natur“ und
plädiert – statt Ruhigstellung durch Medikamente – dafür, die Kinder in
den Wald zu schicken, damit sie sich austoben können.
Natur gibt's nur offline
„Natur“ meint natürlich echte Landschaften, Pflanzen und Tiere, nicht
die Substrate auf flimmernden Bildschirmen der heimischen Fernseher,
Computer, Tablets und Smartphones.
Was uns gesund macht, ist nicht downloadbar.
Man muss fühlen, wie die Erde fett zwischen unseren Fingern
zerbröselt, wie ein eiskalter Bergbach unsere Füße zuerst wie Nadeln
sticht, um sie hinterher mit einem warmen, belebenden Strömen des Blutes
zu belohnen. Man muss das pilzbewachsene, bemooste Totholz riechen oder
die wunderbaren weißen Dolden der Holunderblüte im Frühsommer.
Es ist bekannt, dass Naturfaszination sogenannte Flow-Erlebnisse
auslösen kann. Der Mensch macht die beglückende Erfahrung, vollkommen in
einer Betrachtung oder einer Tätigkeit aufzugehen – zum Beispiel in
Gartenarbeit. „Die Erfahrung der Natur vermag unser Gehirn in einen
anderen Modus zu schalten, in dem quälende Gedanken verschwinden,
Glücksgefühle auftauchen und Probleme in den Hintergrund treten.“
(Arvay)
Man wundert sich nach diesen Betrachtungen nicht mehr, warum ein
Phänomen wie die Winterdepression verbreitet ist. Es fehlt ja alles
Grüne, Bunte und Sprießende, auch fast jeder Geruch. (Freilich sind auch
dann Winterspaziergänge besser als die völlige Abschottung von der
Natur.) Man wundert sich nicht mehr über eine Art Großstadtdepression,
auf den viele mit kompensierendem Konsum, mit Drogen und stressbedingten
Krankheiten reagieren.
Es ist eine Tragödie, dass sich das Landproletariat mit der
Industrialisierung im 19. Jahrhundert in den Stein- und
Metalllandschaften der Städte verdingen musste, die ihm abstoßend
hässlich vorgekommen sein mussten – entwurzelt und abgeschnitten von
jeder Freundschaftspflege mit Pflanze und Tier. Es ist traurig, dass
sich viele heute an eine fast pflanzenlose Welt gewöhnt haben – auch an
eine tierlose, sieht man von Dackeln und Hauskatzen ab. Noch schlimmer,
dass nicht wenige Menschen gar nicht mehr das Bedürfnis nach
ausgleichender Betätigung im Park, am Stadtrand oder durch Urlaub in
Waldgebieten haben.
Naturliebe schafft ökologisches Bewusstsein
Entsprechend gering ausgeprägt ist oft auch das ökologische
Bewusstsein. Man kennt gar nicht mehr, was man eigentlich schützen
sollte. Engagement bezieht sich häufig eher auf einen abstrahierten
„Umwelt“-Begriff, ohne dass wirkliche Liebe zu einem konkret erlebten
Eichhörnchen, einem Kirschbaum oder Weidenröschen dahintersteht. Diese
Liebe nämlich wäre es, die dem Umweltengagement Nachdruck und eine Seele
verleihen würde.
Man wirkt nicht mehr wissentlich an der Zerstörung von etwas
Befreundetem und Liebgewonnenem mit. Auch der Fleischkonsum beruht ja
auf der Vernichtung von Leben, das dem Konsumenten nicht vertraut ist,
dass er als fremd, von sich abgespalten und vermeintlich seelenlos
erlebt.
Dichtung ist in puncto Naturbezug oft weiter fortgeschritten als
Technik, denn sie versucht in den „Weltinnenraum“ (Rilke) empathisch
einzudringen. Romantische Dichter haben den Wald als kräftigenden
Seelenraum gepriesen, auch als Einladung zum Rückzug aus einer als
unaufrichtig und zerstreuend erlebten „Außenwelt“. So schreibt Joseph
von Eichendorff in seinem auch vertonten Gedicht „O Täler weit, o Höhen“
über den Wald: „Du meiner Lust und Wehen/ Andächt’ger Aufenthalt!/ Da
draußen, stets betrogen,/ Saust die geschäft’ge Welt,/ Schlag noch
einmal den Bogen/ Um mich, du grünes Zelt!“
Und auch Ludwig Tieck preist die Naturidylle: „Waldeinsamkeit/ Mich
wieder freut,/ Mir geschieht kein Leid,/ Hier wohnt kein Neid/ Von neuem
mich freut/ Waldeinsamkeit.“ Naiv ist das mitnichten, denn der Rückzug
aus einer Welt, die von den sterilen Steinwüsten der Städte, von
Straßenlärm, computerisierten Büros, und uns beständig „anschreienden“
Konsumangeboten beherrscht wird, tut nicht nur infolge chemischer
Prozesse gut.
Die Natur beurteilt uns nicht
Heilsam an Naturräumen ist auch, dass wir in ihnen von den
Erwartungshaltungen der Menschen, etwa unserer Vorgesetzten, befreit
sind, ebenso von werbeinduzierten Schönheitsidealen, die uns
terrorisieren. Clemens G. Arvay schreibt dazu anschaulich: „In der
Natur, in der Wildnis, ist jeder von uns ein Lebewesen unter unzähligen
Lebensformen. Wir sind umgeben von Pflanzen und Tieren, Pilzen und
Mikroorganismen, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie verurteilen uns
nicht und stellen keine Ansprüche an uns, wie wir zu sein oder nicht zu
sein haben. (…) In der Natur können wir sein, wie wir sind.“
Ich spüre bei längerem Schlendern auf Waldwegen, an Bächen,
Schluchtenabhängen und über natürliche Blumenwiesen – vor allem wenn ich
langsam und nicht leistungsorientiert gehe – schon nach kurzer Zeit ein
Gefühl der Erleichterung. Dies aber macht mir deutlich, dass mich etwas
an der Menschenwelt sonst unmerklich belastet hat – vielleicht ja die
bohrenden Blicke urteilender und wettbewerbsorientierter Personen, die
zu fragen scheinen: „Bist du mir gewachsen? Zeig doch mal, was du drauf
hast!“
Natur ist jedoch nicht nur ein Ort, an dem wir von unserem Schicksal
gleichsam eine Auszeit nehmen können. Wir lernen eine Menge von und in
ihr. Was in einem bekannten Weihnachtslied über den Tannenbaum gesagt
wird, trifft auf Pflanzen und Tiere generell zu: „Dein Kleid will mich
was lehren“. Damit ist keine aufdringlich pädagogische Absicht von Rinde
und Regenwurm gemeint. Vielmehr „zieht“ das menschliche Bewusstsein aus
den Naturphänomenen, die es beobachtet, bewusst oder auch unwillkürlich
gewisse Erkenntnisse.
So Clemens G. Arvay über das Austreiben einer Weide nach dem
Kahlschlag: „Der Baum trotzt seinem Schicksal, findet selbst nach einem
radikalen Einschnitt in sein Leben wieder zu neuen Kräften und versucht
einen Neustart. Er wächst über seine Verletzungen hinaus.“ Dies könnte
einen Menschen inspirieren, der gerade in einer ähnlichen Situation
steckt. Die Weide flüstert ihm gleichsam zu: „Du bist nicht alleine, ich
habe es auch geschafft. Du kannst wieder aufstehen.“
Die Natur als Spiegel menschlicher Seelenprozesse – genau das macht sie so „poesiefähig“.
Auch Menschen, die keine Dichter sind, erfassen dies intuitiv. Denken
Sie an eine Pflanze, die Sie besonders lieben und überlegen Sie, was
diese Wahl über Sie selbst verrät.
Die Botschaft des Krokusses
Ich habe Krokusse über Jahrzehnte besonders gemocht und erst spät
eine Theorie darüber entwickelt, warum das so ist. Vielleicht weil
Krokusse ein bisschen sind wie ich. Wer zu früh herauskommt – mit Ideen,
die bei den Mitmenschen noch kaum auf Resonanz stoßen – muss frieren.
Er führt das relativ harte Leben eines „Pioniers“. Der Krokus aber
entwickelt besonders viel Eigenwärme, was den Schnee rings um ihn
schneller schmelzen lässt. Mehr als dies etwa bei Sommerpflanzen der
Fall ist. Auch wer sozial in einer kalten Umwelt zurechtkommen muss,
schafft dies nur durch Eigenwärme. Denken Sie einmal über die
„Botschaft“ Ihrer Lieblingspflanzen nach.
Zu beachten ist außerdem der positive Effekt der Natur auf die
menschliche Seele durch pure Schönheit. Gern wird dies in Büchern mit
wissenschaftlichem Anspruch übersehen, denn Schönheit hat mit Harmonie
zu tun, mit Proportionen, mit der Anordnung von Farben und Formen
zueinander. Dies aber sind Kriterien, die wir meist auf von Menschen
geschaffene Kunstwerke anwenden.
Der Dokumentarfilm-Autor Rüdiger Sünner sieht in der Natur einen
„ungeheuren Überschuss von Schönheit und Spiel“ am Werk. Wobei mit
„Spiel“ das Mehr-als-Notwendige gemeint ist. Lebensformen besitzen
Eigenschaften, die nicht unmittelbar dem Überleben dienen. Gewiss
erfüllen das Federkleid eines Pfaus oder die Farbe und der Duft einer
Blume auch einen „Zweck“: Männliche Vögel wollen mit ihrer reichen
Farbenpalette Weibchen anlocken. Blumen sind darauf bedacht, aufzufallen
und Insekten zur Bestäubung zu verführen. Blüten sind oft so
„konstruiert“, dass der Blütenstaub leichter am Fell der Bienen
hängenbleiben kann – man betrachte dazu etwa den „Klappmechanismus“ des
Wiesensalbei. Trotzdem erklärt dies nicht vollständig die ungeheure
Farben- und Formenvielfalt in der Natur. Zum Überleben hätten auch ein
paar unscheinbare Spezies genügt.
Schönheit berührt die Seele
Schönheit in der Natur berührt die Seele in ähnlicher Weise wie es
ein vollkommenes Kunstwerk tut. Das Aussehen von Blumen scheint exakt
auf das menschliche Empfindungsvermögen zugeschnitten. Und damit meine
ich nicht die Tatsache, dass Blumen in einigen Fällen essbar sind. Schon
das Betrachten kann beglücken und inspirieren. Das Vorhandensein solch
bezaubernder Phänomene scheint geradezu auf ein Potenzial von Güte, auf
eine wohlmeinende Präsenz hinzuweisen – trotz aller Grausamkeit, die es
in der Wildnis ja auch gibt.
Schönheit vermittelt eine Ahnung von „Schöpfung“, was die Existenz eines Schöpfers nahe legt.
Nicht jeder wird einer spirituellen Deutung folgen wollen, aber auch
die Schönheit „aus sich heraus“ wäre bewundernswert – dann als ein
großes, unentschlüsseltes Geheimnis.
Wir sind nicht ausschließlich die Beute unseres Überlebensinstinkts,
der uns zum Beispiel zum reifen, gelbroten Pfirsich greifen lässt. Der
Mensch ist in der Lage, das Nützliche – etwa eine Kartoffel – als
reizlos, das Unnütze – etwa den giftigen Roten Fingerhut – dagegen als
ansprechend zu empfinden. Selbst eingefleischte Naturmuffel werden sich
schwertun, den Gang durch einen Botanischen Garten im Mai bei schönem
Wetter nicht als angenehmer zu empfinden als den Besuch eines
leerstehenden, verwahrlosten Fabrikgeländes.
Es bleibt unsere Aufgabe, dieses Geschenk unseres Planeten –
teilweise durchaus bereichert durch menschliche Gartenkunst und
Zuchterfolge – anzunehmen, es zu pflegen und zu bewahren. Gegenüber
vollkommen empfindungslosen Betrachtern wäre all diese Schönheit
wahrlich verschwendet. Die Fähigkeit, wahrzunehmen, zu würdigen und zu
genießen, ist nicht jedem gleichermaßen gegeben; sie lässt sich jedoch
auch üben. Unserer Gesundheit an Leib und Seele können wir kaum einen
größeren Dienst erweisen als durch vertieften Kontakt mit der Natur.
Daher hat Konstantin Wecker sehr recht, wenn er singt: „Uns hat die
liebe Erde doch so viel mitgegeben. Dass diese Welt nie ende – nur dafür
lasst uns leben!“
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Roland Rottenfußer, Jahrgang 1963, war nach dem Germanistikstudium als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage tätig. Von 2001 bis 2005 war er Redakteur beim spirituellen Magazin connection, später für den Zeitpunkt. Er arbeitete als Lektor, Buch-Werbetexter und Autorenscout für den Goldmann Verlag. Seit 2006 ist er Chefredakteur von Hinter den Schlagzeilen und seit 2020 Chefredakteur vom Rubikon.
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Beide Artikel erschienen bei :
Rubikon-News