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Montag, 4. Juli 2016

Ist die EU selbst schuld am Brexit? Ein Interview mit Jürgen Krönig

Thema: Brexit

Ist die EU selbst schuld am Brexit?

von Ann Guenter - Er kennt seine Briten: Jürgen Krönig lebt seit 27 Jahren auf der Insel. Der Journalist spricht über den Brexit, die EU und Camerons Nachfolge.

Jürgen Krönig (Bild: German British Forum/GBF.com)
Jürgen Krönig, Korrespondent unter anderem für die «Zeit», die ARD und die BBC, lebt seit 27 Jahren in London. Mit 20 Minuten hat der Grossbritannien-Experte über den Brexit gesprochen und gleich vorausgeschickt: «Ich habe für einen Verbleib in der EU gestimmt – auch wenn ich diejenigen verstehe, die das nicht mehr wollten.» Sein Freundeskreis sei in zwei Lager gespalten. Und er versuche, in den noch immer hitzigen Debatten «die Stimme der Vernunft zu sein».

Herr Krönig, gibt es eine echte Mehrheit für den Brexit? Immerhin haben von den 92 Prozent registrierten Wahlberechtigten nur 70 Prozent abgestimmt.
Mehrheit ist Mehrheit. Man sollte nicht anfangen, das Ergebnis zu zerpflücken. Es gibt aber tatsächlich Leute, die für den Brexit gestimmt haben und die sich jetzt fragen: ‹Was haben wir getan? Haben wir das wirklich gewollt?› Auf der anderen Seite gibt es Leute, die für den Verbleib stimmten, aber jetzt verärgert sind angesichts der harschen Töne aus Brüssel und den europäischen Hauptstädten. Dass man die Briten den Austritt spüren lassen will, dass man sie für diese Stimmabgabe bestrafen will, das kommt nicht gut an. Das Ergebnis ist völlig klar und es ist knapp. Referenden bringen nun einmal nicht immer ein Ergebnis, das alle begrüssen.

Diese Haltung, man solle Grossbritannien für den Volksentscheid bestrafen – was sagt das über das Demokratieverständnis der EU aus?
Ich halte das für eine fatale Reaktion. Die überzeugten Euro-Integrationisten – insbesondere aus Frankreich und Deutschland – wollten mehr Europa und weniger nationale Souveränität. Während die Briten diese glühende Vision nie geteilt haben, setzten sie sich für eine Auflösung der Nationalstaaten zugunsten einer «europäischen Nation» ein. Diese Integrationisten sind über das Ziel hinausgeschossen, denn der Nationalstaat ist nicht tot. Er ist auch keine Etappe, die bald ganz überwunden sein wird. Im Gegenteil: Demokratie entwickelte sich im Nationalstaat und kann leider nur im Nationalstaat richtig funktionieren. Sonst hätten wir nicht das permanente demokratische Defizit in der EU. Sie versuchte, darüber hinwegzukommen, indem sie das Europaparlament schaffte. In Wirklichkeit aber ist dieses Parlament eine halbverfehlte Institution, weil es eben nicht die europäische Nation gibt, sondern nur nationale Wählerschaften. Das gilt generell für die Fehleinschätzung Europas und muss einmal gesagt werden.

Wie könnte man diese «Fehleinschätzung» korrigieren?
Der Weg nach vorne, so scheint es mir, muss darin liegen, in den Staaten mehr Referenden abzuhalten. Die Schweiz hat hier durchaus Modellcharakter. Bei grossen Themen, wie EU-Mitgliedschaft oder anderen Wertefragen, sollte man den Wähler befragen. Das hilft auch, der politischen Verdrossenheit entgegenzuwirken. Ich behaupte, das wird in den nächsten Jahren immer mehr kommen – wenn die Partien, die politischen Eliten Vernunft zeigen und sich klarmachen, dass es so nicht mehr weitergeht.

Inwieweit hat die EU selbst zum Brexit beigetragen?
Ich wage die These: Ohne Angela Merkels unüberlegte Flüchtlings-Willkommen-Strategie vom Sommer letzten Jahres wäre das Brexit-Referendum anders herausgekommen. Denn diese Strategie läutete de facto nicht nur das Ende des Schengen-Abkommens ein – überall gingen ja danach die Schlagbäume runter, sei es in den Balkanstaaten, Österreich oder Schweden. Eine weitere Folge davon war, dass der Strom aus vielen islamischen Ländern anschwoll. Die Briten, obgleich nicht im Schengen-Abkommen, wurden davon auch sehr stark betroffen. Ohne Merkels Entscheidung hätte das Thema Einwanderung aber kaum das Gewicht erhalten, das es in der Brexit-Debatte dann hatte. Insofern ist Merkel eine der Ursachen für die knappe britische Mehrheit gegen die EU-Mitgliedschaft. Hinzu kommt eine andere Sünde der Europäer: Die EU hätte den Briten mehr entgegenkommen sollen, als David Cameron Anfang Jahr versuchte, die innereuropäische Einwanderung nach Grossbritannien zu drosseln.

Sehen Sie noch einen dritten Grund?
Ich glaube, dass diese Mehrheit gegen die EU auch und vor allem ein Protest, eine Revolte gegen das Establishment darstellt. Wir sehen diese Bewegung überall in Europa und auch in den USA. Die Eliten haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Vor einem Austritt aus der EU warnten alle «Grossen und Guten»: der Internationale Währungsfonds, die OECD, die ganzen Experten, Ökonomen und Grossbankiers. Doch die Wähler haben nicht auf sie gehört. Wieso nicht? Weil sie von ihnen die Schnauze voll haben. Gerade die Labour-Wähler, die in grosser Mehrheit für einen Brexit stimmten: die Ärmeren, die Älteren, die Zurückgelassenen, die den Establishment-Institutionen seit der Finanzkrise 2008 zunehmend misstrauen und sich eher von Nigel Farages Ukip verstanden fühlen.

Wie beurteilen Sie David Camerons politische Hinterlassenschaft?
Cameron war meiner Meinung nach ein guter Premier. Alles in allem hat er eine relativ vernünftige Politik betrieben. Man muss ihm zugestehen: Nach seinen sechs Jahren steht Grossbritannien besser da als jedes andere Land in der Eurozone. Während andere mit hoher Arbeitslosigkeit kämpfen, wurden in Grossbritannien 2,5 Millionen neue Jobs geschaffen. Jetzt reisen die ganzen Akademiker aus Spanien oder Italien nach England, um dort in den Cafés zu jobben. Das ist die Realität. Cameron hat auch ganz sinnvolle Reformen eingeleitet, etwa in der Bildung oder im Sozialwesen. Er hat nicht die schlechteste Bilanz hinterlassen. Aber jetzt wird er wohl als erfolglose Fussnote in die Geschichte eingehen, als der erste Premier, der die Spaltung seiner Partei und den Austritt aus Europa indirekt zu verantworten hat.

Was muss sein Nachfolger in dieser Situation mitbringen?
Der Kampf um die Cameron-Nachfolge muss bis am 2. September entschieden sein. Es gibt ja mit Boris Johnson einen Kandidaten, der polemisch und populär ist – das demokratische und gemässigte Gegenstück zu Donald Trump, wenn man so will. Er brennt vor Ehrgeiz und könnte es schaffen, weil er ein gewinnender und witziger Politiker ist. Dagegen steht Theresa May, eine Frau, die durchaus klug und seriös ist. Johnson kommt gut an, weil er offen und unverklausuliert spricht. Aber ob er jetzt der richtige Premier ist – ich bin hin- und hergerissen. Ich hätte es besser gefunden, Cameron hätte seine Amtszeit noch beendet.

Den Briten wurde gesagt, sie erhielten mit dem Brexit ihr Land zurück. Wie wird dieses Land in einigen Jahren aussehen?
Wenn ich das genau wüsste, wäre ich wohl Milliardär. Es könnte durchaus sein, dass Grossbritannien jetzt zunächst einige Schwierigkeiten meistern, einen wirtschaftlichen Abschwung und Arbeitsplatzverluste hinnehmen muss. Ökonomisch glaube ich aber nicht, dass der Austritt einen gravierenden Unterschied machen wird, wenn alle beteiligten politischen Akteure Vernunft walten lassen. Auf der anderen Seite verstehe ich, dass Angst vor Einwanderung und die Furcht vor dem Islam weiter wachsen werden. Immerhin wächst Grossbritannien derzeit jedes Jahr um eine Grossstadt mit rund 500‘000 Einwohnern. Das ist auf Dauer nicht tragbar.
Mit freundlicher Genehmigung von 20min.ch

Dienstag, 10. Februar 2015

Tagesschau und Tagesthemen - die Abrechnung des Journalisten Fröhder

Thema: Tagesschau
t-online.de
Journalist Christoph Maria Fröhder
ARD-Mann rechnet mit "Tagesschau" und "Tagesthemen" ab


Christoph Maria Fröhder. (Quelle: Imago Hoffmann)
07.02.2015, 15:23 Uhr | LS, t-online.de
Heftige Kritik aus den eigenen Reihen: Der ARD-Journalist Christoph Maria Fröhder lässt im aktuellen "Spiegel" kein gutes Haar an den Nachrichtensendungen "Tagesschau" und "Tagesthemen". Der 72-Jährige kritisiert unter anderem die "Kleinstaaterei der einzelnen Anstalten", eine "sprachliche Verlotterung" und eine ungenügende Prüfung von fremdem Bildmaterial.

"Das ist kein journalistisches Umfeld mehr für mich. Ich stoße da auf Leute, denen die Administration wichtiger ist als guter Journalismus. Diese Strukturagenten ersticken den Journalismus“, sagt Fröhder. "Oft genug musste ich den Korrespondenten vor Ort um Zustimmung fragen, ob ich sein Gebiet im Namen der ARD überhaupt betreten darf - und oft genug wurde mir die Zustimmung verweigert."

"Es wimmelt von Grammatikfehlern"

Die "Tagesschau", so Fröhder weiter, würde fremdes Bildmaterial nicht kritisch genug prüfen. "Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man es letztlich nicht nachprüfen kann. Bei diesem sinnlosen Herausnehmen von Material läuft man ständig Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen."

Außerdem nerve ihn die sprachliche Verlotterung. "In den Beiträgen wimmelt es vor Grammatikfehlern. Da ist die Anmoderation des Sprechers identisch mit den ersten zwei Sätzen des Films. Und dann dieses ständige Geduze! Jeder Korrespondent wird mit Vornamen aufgerufen. Es ist dem Zuschauer gegenüber unhöflich, es ist ärgerlich."

"Ich will, dass sich etwas ändert"

Sowohl in der "Tagesschau", als auch in den "Tagesthemen" würden "bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen. Wenn ich diese Aufsager vor den Parteizentralen und dem Kanzleramt schon sehe! Die kommen einfach von der Routine nicht weg."

Der Journalist sagte dem "Spiegel", dass er diese Kritik nicht für sich selbst formulieren. "Ich will, dass sich etwas ändert, damit die jungen Kollegen in Zukunft wieder den Journalismus machen können, den die ARD braucht. Mein Entschluss ist auch ein symbolischer Abschied."

Christoph Maria Fröhder ist seit 1965 für die ARD tätig. Er begann beim Hessischen Rundfunk, arbeitete als freier Korrespondent in Krisengebieten wie Vietnam, Kambodscha, Afghanistan, Irak und Serbien. Darüber hinaus drehte Fröhder politische Dokmentarfilme für die ARD. Für seine Arbeit wurde er u.a. mit dem Deutschen Kritikerpreis und dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis (1997) ausgezeichnet.

Quelle: T-Online.de

Kommentare aus dem T-Online-Forum

Daemon
Das betrifft doch nicht nur die ARD. Sauberen und ehrlichen Journalismus gibt es doch gar nicht mehr. Zeitung und Fernsehen sollen die Leute bei der Stange halten und letztlich verdummen.

KIDFAN
Sagte ich erst vor ein paar Tagen, man verhält sich wie in einem Familienbetrieb, den man sich auf Kosten der Gebührenzahler angeeignet hat. Dann lädt man bei den Talkrunden natürlich immer die gleichen Leute ein, weil deren Rente bzw. Pension ebenfalls gesichert werden muß. Und jeder hat eine Talkrunde. Dann darf jeder C-promi seine Platte oder sein Buch vorstellen und die Filmförderung gibt auch noch Kohle dazu.
Ferres, Berben, Fischer, alle dürfen sich, ob sie´s können oder nicht, auf Kosten der Gebührenzahler austoben. Etwas Seriösität wäre schon mal angebracht. Und was sollen die Streitgespräche, die niemals ein Ergebnis bringen, aber furchtbar wichtig aufgebauscht werden. Plasberg, Jauch, Will und wie sie alle heißen. Überflüssig ! Sie helfen im Erghebnis niemandem weiter und die Mail´s der zuschauer sind Alibiaktionen. Ladet mal echte Normalbürger ein und diskutiert mit denen über die Probleme, die in Deutschland unter den Tisch gekehrt werden. Aber dazu ist man zu feige.

nina266
So wie die Sendeanstalten mit Ihrem Geld umgehen, "alles in die eigene Tasche", so sind auch Ihre Programme! Ewig Wiederholungen, alte Kamellen von einem Sender zum anderen.

markant
Ja, der Mann hat Recht. Sowohl mit den grammatikalischen Mängeln als auch mit dem teilweise großen journalistischen Pfusch. Oft wird nur noch voneinander abgeschrieben und kopiert. Eine einzige erste Grundmeldung aus dem Web wird ungeprüft wiederholt. Es ist mittlerweile fast egal geworden, ob man Sat1 und RTL2 guckt oder die ARD. Mal ganz abgesehen von oftmals tendenziös parteiischen Berichterstattungen über Demonstrationen außerhalb des politischen Mainstreams. Guter Journalismus sieht anders aus. Wobei es natürlich Ausnahmen gibt.

Kriminaler
Der ganze Staat versinkt im Parteiensumpf, im Kastensystem und in der Verlotterung und oft gleich in Primitivität. Man darf nicht mehr öffentlich sagen, was man denkt. Man hat vor der Politiker- und der Bossekaste zu kuschen. Der Unfähigste sitzt auf dem Thron. Manchmal frage ich mich, ob die DDR wirklich so viel anders war. Die Tagesschau ist auch nur ein Abbild des Landes.

Acolon
Zum Glück spricht hier ein Insider... Alle Kritik von außen, gar vom Konsumenten, sprich dem Zuschauer, wäre verunglimpft worden als "Pegida- Geschwätz". Die Journaille verkommt zum Staat im Staate. Mainstream- Berichte und vorauseilende Hofberichterstattung sind normal geworden.

pompeius
Das liegt daran, dass wir nach wie vor alles aus Amerika übernehmen. Uns hier geht die Duzerei ebenfalls auf den Keks, die Sprachverlotterung ohnehin. Armer Reich-Ranicki. An ihm hätte man sich besser orientiert statt an den U.S.A.

Antonia1
der Mann hat absolut Recht, früher war z.B. die Tagesschau, Tagesthemen, usw. noch glaubwürdig ! Aber was da heute abgeht, ist absurd ! Ich habe immer das Gefühl, das alles nur noch politisch gelenkt wird, und es keine objektiven Berichterstattungen mehr gibt, die ganz parteilos, Dinge auch gründlich hinterfragen !!! Selbst wenn überhaupt mal was kritisiert wird , kommen diese Kritiken nur versteckt und als Randnotiz. Schnell wird, auf alle unverfängliche Fragen abgelenkt. Die Mehrheit der Bürger, haben das auch mittlerweile bemerkt und erkannt. Die einzigsten glaubwürdigen Sendungen von ARD und ZFD sind z.B. ZOOM , aber viele Sendungen die realistisch sind und Bürger aufklären sollen, kommen viel zuspät, dann wenn die meisten Bürger schon lange im Bett liegen, weil sie früh morgens wieder fit sein müssen, da frage ich mich warum ? ! Ist das so gewollt, das ausgerechnet diese Sendungen erst nach 22:15 oder 23:00 Uhr gezeigt werden ? !