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Donnerstag, 19. April 2018

Die Inspektoren in Syrien erreichen Rebellenbastion

Thema: Syrien

Inspektoren erreichen einstige Rebellenbastion

Zehn Tage nach dem mutmasslichen Giftgasangriff in der syrischen Stadt Duma ist dort ein Team von Chemiewaffen-Experten eingetroffen.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die USA, Frankreich und Grossbritannien haben in der Nacht auf Samstag Militärschläge gegen Syrien ausgeführt.
  • Der Militäreinsatz ist ein Schlag gegen die Infrastruktur der chemischen Waffenproduktion des Landes. Das syrische Chemiewaffen-Arsenal wurde grösstenteils zerstört.
  • Drei Zivilisten seien bei den Angriffen verletzt worden.
  • Die syrische Führung bezeichnet die Angriffe als «barbarische und brutale Aggression».
  • Die Angriffe sind eine Reaktion auf die Giftgasanschläge in Syrien. Die westlichen Länder machen den syrischen Präsident Bashar al-Assad für den Giftgasangriff verantwortlich.
  • Laut Russland sollen mehr als hundert Rakaten auf Syrien abgefeuert worden sein.
Experten in Duma eingetroffen
Zehn Tage nach dem mutmasslichen Giftgasangriff in der syrischen Stadt Duma ist dort nach Angaben syrischer Staatsmedien ein internationales Expertenteam eingetroffen. Die Inspektoren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) erreichten am Dienstag die einstige Rebellenbastion in Ost-Ghuta bei Damaskus.

Eigentlich war der Besuch für Mittwoch angekündigt. International wuchs die Sorge, dass bereits alle Spuren beseitigt seien. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass Beweise und wesentliche Elemente verschwinden werden», warnte die französische Regierung am Dienstag.

Die Stadt Duma, in der sich am 7. April der mutmassliche Giftgasangriff ereignete, sei «vollkommen unter Kontrolle der russischen und syrischen Armee», und die OPCW-Experten hätten bisher den Ort nicht untersuchen können.

Schon am Montag hatte der US-Vertreter bei der OPCW Russland vorgeworfen, in Duma Beweise zu manipulieren. Die USA seien «besorgt», dass die Russen am Angriffsort Dinge getan hätten, um die Ermittlungen der OPCW zu behindern, sagte Ken Ward. Der russische Aussenminister Sergej Lawrow versicherte daraufhin, dass Russland nichts manipuliert habe.

Falscher Alarm
Ein falscher Alarm hat offenbar die syrische Flugabwehr in der Nacht zum Dienstag in höchste Bereitschaft gesetzt und den Einsatz von zahlreichen Flugabwehrraketen und Flugabwehrgeschützen bewirkt. Das erfuhr die Nachrichtenagentur DPA aus syrischen Militärkreisen.

Zuvor hatten syrische Staatsmedien berichtet, dass israelische Kampfflugzeuge verschiedene Ziele in Vororten von Damaskus als auch bei Homs angegriffen hätten. Die syrische Luftabwehr habe dabei mindestens neun gegnerische Raketen abgefangen, hiess es unter anderem. Auch russische und israelische Medien hatten unter Berufung auf die syrischen Staatsmedien über die vermeintlichen Angriffe israelischer Kampfjets berichtet.

Keine Aktivitäten
Über die neuen Angriffe gab es keine offiziellen Angaben. Das israelische Militär äussert sich grundsätzlich nicht zu derartigen Vorwürfen. Ein Mitarbeiter des Pentagons in Washington erklärte, es gebe derzeit keine Aktivitäten des US-Militärs in dem Gebiet.

Syrien schiesst Raketen ab
Mehrere militärische Einrichtungen in Syrien sind in der Nacht zum Dienstag mit Raketen beschossen worden. Nach offiziell unbestätigten syrischen Medienberichten sollen israelische Kampfjets die Angriffe geflogen haben.

Sowohl israelische als auch russische Medien beriefen sich auf Berichte der syrischen Staatsagentur Sana und des syrischen Staatsfernsehen, nach denen unter anderem Ziele in Vororten von Damaskus als auch bei Homs angegriffen wurden. Mehrere Raketen seien von der Flugabwehr abgefangen worden, hiess es.

Die Raketen seien in den «Luftraum über Homs eingedrungen», meldete staatliche syrische Nachrichtenagentur weiter. Das syrische Staatsfernsehen wertete den Vorfall als «Aggression».

Unter anderem soll auch der Flughafen Schairat in der Provinz angegriffen worden sein. Vor einem Jahr hatte das US-Militär diesen syrischen Luftwaffenstützpunkt beschossen – als Reaktion auf den Giftgasangriff mit Dutzenden Toten auf die Stadt Chan Scheichun, für den Uno-Experten die Regierung von Präsident Bashar al-Assad verantwortlich machten.

Macron will Assad den Orden nehmen
Frankreich hat auf Antrag von Präsident Emmanuel Macron ein Verfahren zur Aberkennung des Verdienstordens der Ehrenlegion für den syrischen Staatschef Bashar al-Assad eingeleitet. Das erfuhr die Nachrichtenagentur AFP am Montagabend aus Macrons Umfeld.

Der Schritt erfolgt wenige Tage nach den französischen Raketenangriffen in Syrien. Im Jahr 2001 hatte der damalige französische Präsident Jacques Chirac Assad kurz nach dessen Amtsantritt als Nachfolger seines Vaters Hafis al-Assad mit dem Grosskreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet.

Die Ehrenlegion ist die wichtigste Auszeichnung für besondere Verdienste in Frankreich. Sie kann auch an Ausländer vergeben werden. Vergangenes Jahr hatte Macron bereits Schritte eingeleitet, um dem US-Filmproduzenten Harvey Weinstein wegen der Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn den Verdienstorden der Ehrenlegion abzunehmen.

Chemiewaffen-Experten reisen nach Duma
Nach mehrtägigem Warten darf ein internationales Team von C-Waffen-Experten am Mittwoch an den Schauplatz des mutmasslichen Giftgasangriffs im syrischen Duma reisen. Russland erteilte am Montagabend die Erlaubnis dazu.

Die Experten der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) sollen sich am Mittwoch ins syrische Duma begeben können. Das kündigte der russische Botschafter Alexander Schulgin am Montagabend in Den Haag an.

Das OPCW-Team war am Samstag in Damaskus eingetroffen. Russland und Syrien hatten den Experten unter Verweis auf «Sicherheitsprobleme» während mehreren Tagen nicht erlaubt, nach Duma zu gehen, wie OPCW-Chef Ahmet Üzümcü zuvor am Montag bei einer Dringlichkeitssitzung in Den Haag gesagt hatte.

Die Experten der OPCW hätten eigentlich am Sonntag mit ihren Untersuchungen in Duma beginnen wollen, trafen sich stattdessen jedoch mit Behördenvertretern in ihrem Hotel in Damaskus. Über ihren Zeitplan wurde eine strikte Nachrichtensperre verhängt. Russland erklärte die Verzögerung für den Zugang der OPCW-Experten mit den Raketenangriffen der USA, Frankreichs und Grossbritanniens.

Dialog
Russland strebt trotz der westlichen Raketenangriffe auf Syrien einen Dialog mit den USA an. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow äusserte am Montag in Moskau die Hoffnung, «dass trotz all der Schäden, die Washington dem bilateralen Verhältnis zugefügt hat, irgendeine Art von Kommunikation beginnen kann». Voraussetzung für einen Dialog ist nach Peskows Worten, «dass unsere amerikanischen Kollegen ihre internen Probleme klären». Möglicherweise spielte er damit auf die Unklarheit über die weitere Strategie der USA im Syrien-Konflikt an.

Der Kreml-Sprecher sagte zudem, dass derzeit keine konkreten Gespräche über ein Treffen zwischen den Präsidenten Wladimir Putin und Donald Trump im Gange seien. Die beiden Präsidenten hatten die Möglichkeit eines solchen Treffens bei einem Telefonat am 20. März erörtert.

Peskow wies zudem den Vorwurf zurück, dass Russland und Syrien den internationalen Experten der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) den Zugang zum Schauplatz des mutmasslichen Giftgasangriffs im syrischen Duma verweigerten. «Wir betrachten solche Anschuldigungen als grundlos», sagte der Kreml-Sprecher. Den Vorwurf hatte die britische Botschaft in Den Haag erhoben.

US-Truppen sollen zurückkehren
US-Präsident Donald Trump hält an seinem geplanten Truppenabzug aus Syrien fest. Die US-Mission in Syrien habe sich «nicht geändert», Trump wolle, dass die US-Truppen «so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren», sagte die Sprecherin des Weissen Hauses, Sarah Sanders, am Sonntag.

Die USA seien entschlossen, die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) «komplett zu zerstören» und die Bedingungen zu schaffen, die eine Rückkehr der Miliz verhinderten, sagte Sanders. Darüber hinaus erwarteten die USA, «dass unsere regionalen Verbündeten und Partner sowohl militärisch als auch finanziell grössere Verantwortung zur Sicherung der Region übernehmen».

Trump hatte Ende März einen baldigen Rückzug der USA aus Syrien angekündigt. Am Sonntag sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron jedoch, er habe Trump von der Notwendigkeit eines «langfristigen» Verbleibs in Syrien überzeugt. «Wir haben ihn überzeugt, dass es notwendig ist, dort auf Dauer zu bleiben», sagte der französische Präsident vor der Erklärung des Weissen Hauses.

Macron will verhandeln
Nach den militärischen Angriffen mit westlichen Verbündeten in Syrien will der französische Staatspräsident Emmanuel Macron Russland und die Türkei an den Verhandlungstisch holen. Die Aufgabe Frankreichs sei es, «mit allen zu sprechen.» Das sagte Macron am Sonntagabend den Sendern BFMTV und RMC sowie der investigativen Internetzeitung «Mediapart».
Je veux commencer par rendre hommage à nos soldats, grâce à qui l’opération menée en Syrie a été réussie. #MediapartLive#MacronBFMTVpic.twitter.com/VGKQlX0iUE
— Emmanuel Macron (@EmmanuelMacron) 15. April 2018
Macron sagte, er habe ursprünglich geplant, in die Türkei zu reisen und sich dort mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem iranischen Präsidenten Hassan Ruhani zu treffen. Der Chemiewaffeneinsatz in Syrien und das Vorgehen im Rebellengebiet Ost-Ghuta bei Damaskus habe diesen Plan aber durchkreuzt.

Macron wies auf den Dialog mit seinem US-Amtskollegen Donald Trump hin: «Wir haben ihn überzeugt, dass es nötig ist, (in Syrien) zu bleiben», sagte der 40-Jährige mit Blick auf Trumps Ankündigung, Truppen aus dem Bürgerkriegsland abziehen zu wollen. Frankreich habe Washington auch überzeugt, die Militärschläge auf Chemiewaffeneinrichtungen zu beschränken.

Mit freundlicher Genehmigung von 20min.ch

Donnerstag, 1. Februar 2018

Brüssel - Brexit-Richtlinien in nur 2 Minuten verabschiedet

Thema: Brexit

Übergangsphase
Brexit-Richtlinien in nur 2 Minuten verabschiedet

«Status quo» ohne Mitspracherecht: Die EU will die Brexit-Übergangsphase zum 31. Dezember 2020 beenden.

Die EU-Mitgliedstaaten haben sich auf die Voraussetzungen für eine von Grossbritannien gewünschte Übergangsphase nach dem Brexit verständigt. Die EU-Europaminister beschlossen am Montag in Brüssel Leitlinien für die dazu anstehenden Verhandlungen, wie die bulgarische EU-Ratspräsidentschaft mitteilte. Laut der stellvertretende EU-Verhandlungsführerin Sabine Weyand soll die Übergangsphase am 31. Dezember 2020 enden und damit weniger als zwei Jahre nach dem Brexit im März 2019 dauern.

Während der Übergangsphase will Grossbritannien noch im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion bleiben. Die britische Premierministerin Theresa May hatte ursprünglich eine zweijährige Übergangsphase nach dem Brexit vorgeschlagen.

Verhandlungen über Handelsabkommen

Hintergrund sind die voraussichtlich mehrjährigen Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit der EU, welches die bisherigen Wirtschaftsbeziehungen ersetzen soll. Die Übergangsphase soll verhindern, dass der umfangreiche Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen beiden Seiten mit dem offiziellen EU-Austritt im März 2019 durch Zölle und Kontrollen schlagartig behindert wird.

Weyand zufolge brauchten die EU-Minister nur zwei Minuten, um die Leitlinien für die Verhandlungen zur Übergangsphase zu verabschieden. In ihr werde weiter der «Status quo» gelten, schrieb sie im Kurzbotschaftendienst Twitter. Grossbritannien werde aber nicht mehr in den EU-Institutionen vertreten sein.

Mit freundlicher Genehmigung von http://www.20min.ch

Kommentare

Schöschu vo Bärn
Wäre irgendwas Schlaueres herausgekommen, wenn diese 12 Minister zwei Jahre lang verhandelt hätten?

Ruedi
Ein Segen für UK, bald ist es vorbei mit der Knechtschaft. Nur schon die Zuwanderung wieder selber bestimmen zu können ist mehr als ein Segen. ....UK wir boomen und 10 mal besser dastehen.

Rudiwundertsichnicht
Bravo UK, die EU wird UK nachtrauern denn von dort fliessen keine pfund mehr in EU kasse...UK kann selber bestimmen und wieder wachsen mit Geld wo wieder im Land bleibt!

Gruss aus Bern
Diese Demonstratiönchen der EU-Kraten beeindruckt doch höchstens sie selbst. Go, GB, go - ihr seid die ersten, aber bestimmt nicht die letzten, die dem maroden Club offiziell den Rücken kehren.

Montag, 4. Juli 2016

Ist die EU selbst schuld am Brexit? Ein Interview mit Jürgen Krönig

Thema: Brexit

Ist die EU selbst schuld am Brexit?

von Ann Guenter - Er kennt seine Briten: Jürgen Krönig lebt seit 27 Jahren auf der Insel. Der Journalist spricht über den Brexit, die EU und Camerons Nachfolge.

Jürgen Krönig (Bild: German British Forum/GBF.com)
Jürgen Krönig, Korrespondent unter anderem für die «Zeit», die ARD und die BBC, lebt seit 27 Jahren in London. Mit 20 Minuten hat der Grossbritannien-Experte über den Brexit gesprochen und gleich vorausgeschickt: «Ich habe für einen Verbleib in der EU gestimmt – auch wenn ich diejenigen verstehe, die das nicht mehr wollten.» Sein Freundeskreis sei in zwei Lager gespalten. Und er versuche, in den noch immer hitzigen Debatten «die Stimme der Vernunft zu sein».

Herr Krönig, gibt es eine echte Mehrheit für den Brexit? Immerhin haben von den 92 Prozent registrierten Wahlberechtigten nur 70 Prozent abgestimmt.
Mehrheit ist Mehrheit. Man sollte nicht anfangen, das Ergebnis zu zerpflücken. Es gibt aber tatsächlich Leute, die für den Brexit gestimmt haben und die sich jetzt fragen: ‹Was haben wir getan? Haben wir das wirklich gewollt?› Auf der anderen Seite gibt es Leute, die für den Verbleib stimmten, aber jetzt verärgert sind angesichts der harschen Töne aus Brüssel und den europäischen Hauptstädten. Dass man die Briten den Austritt spüren lassen will, dass man sie für diese Stimmabgabe bestrafen will, das kommt nicht gut an. Das Ergebnis ist völlig klar und es ist knapp. Referenden bringen nun einmal nicht immer ein Ergebnis, das alle begrüssen.

Diese Haltung, man solle Grossbritannien für den Volksentscheid bestrafen – was sagt das über das Demokratieverständnis der EU aus?
Ich halte das für eine fatale Reaktion. Die überzeugten Euro-Integrationisten – insbesondere aus Frankreich und Deutschland – wollten mehr Europa und weniger nationale Souveränität. Während die Briten diese glühende Vision nie geteilt haben, setzten sie sich für eine Auflösung der Nationalstaaten zugunsten einer «europäischen Nation» ein. Diese Integrationisten sind über das Ziel hinausgeschossen, denn der Nationalstaat ist nicht tot. Er ist auch keine Etappe, die bald ganz überwunden sein wird. Im Gegenteil: Demokratie entwickelte sich im Nationalstaat und kann leider nur im Nationalstaat richtig funktionieren. Sonst hätten wir nicht das permanente demokratische Defizit in der EU. Sie versuchte, darüber hinwegzukommen, indem sie das Europaparlament schaffte. In Wirklichkeit aber ist dieses Parlament eine halbverfehlte Institution, weil es eben nicht die europäische Nation gibt, sondern nur nationale Wählerschaften. Das gilt generell für die Fehleinschätzung Europas und muss einmal gesagt werden.

Wie könnte man diese «Fehleinschätzung» korrigieren?
Der Weg nach vorne, so scheint es mir, muss darin liegen, in den Staaten mehr Referenden abzuhalten. Die Schweiz hat hier durchaus Modellcharakter. Bei grossen Themen, wie EU-Mitgliedschaft oder anderen Wertefragen, sollte man den Wähler befragen. Das hilft auch, der politischen Verdrossenheit entgegenzuwirken. Ich behaupte, das wird in den nächsten Jahren immer mehr kommen – wenn die Partien, die politischen Eliten Vernunft zeigen und sich klarmachen, dass es so nicht mehr weitergeht.

Inwieweit hat die EU selbst zum Brexit beigetragen?
Ich wage die These: Ohne Angela Merkels unüberlegte Flüchtlings-Willkommen-Strategie vom Sommer letzten Jahres wäre das Brexit-Referendum anders herausgekommen. Denn diese Strategie läutete de facto nicht nur das Ende des Schengen-Abkommens ein – überall gingen ja danach die Schlagbäume runter, sei es in den Balkanstaaten, Österreich oder Schweden. Eine weitere Folge davon war, dass der Strom aus vielen islamischen Ländern anschwoll. Die Briten, obgleich nicht im Schengen-Abkommen, wurden davon auch sehr stark betroffen. Ohne Merkels Entscheidung hätte das Thema Einwanderung aber kaum das Gewicht erhalten, das es in der Brexit-Debatte dann hatte. Insofern ist Merkel eine der Ursachen für die knappe britische Mehrheit gegen die EU-Mitgliedschaft. Hinzu kommt eine andere Sünde der Europäer: Die EU hätte den Briten mehr entgegenkommen sollen, als David Cameron Anfang Jahr versuchte, die innereuropäische Einwanderung nach Grossbritannien zu drosseln.

Sehen Sie noch einen dritten Grund?
Ich glaube, dass diese Mehrheit gegen die EU auch und vor allem ein Protest, eine Revolte gegen das Establishment darstellt. Wir sehen diese Bewegung überall in Europa und auch in den USA. Die Eliten haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Vor einem Austritt aus der EU warnten alle «Grossen und Guten»: der Internationale Währungsfonds, die OECD, die ganzen Experten, Ökonomen und Grossbankiers. Doch die Wähler haben nicht auf sie gehört. Wieso nicht? Weil sie von ihnen die Schnauze voll haben. Gerade die Labour-Wähler, die in grosser Mehrheit für einen Brexit stimmten: die Ärmeren, die Älteren, die Zurückgelassenen, die den Establishment-Institutionen seit der Finanzkrise 2008 zunehmend misstrauen und sich eher von Nigel Farages Ukip verstanden fühlen.

Wie beurteilen Sie David Camerons politische Hinterlassenschaft?
Cameron war meiner Meinung nach ein guter Premier. Alles in allem hat er eine relativ vernünftige Politik betrieben. Man muss ihm zugestehen: Nach seinen sechs Jahren steht Grossbritannien besser da als jedes andere Land in der Eurozone. Während andere mit hoher Arbeitslosigkeit kämpfen, wurden in Grossbritannien 2,5 Millionen neue Jobs geschaffen. Jetzt reisen die ganzen Akademiker aus Spanien oder Italien nach England, um dort in den Cafés zu jobben. Das ist die Realität. Cameron hat auch ganz sinnvolle Reformen eingeleitet, etwa in der Bildung oder im Sozialwesen. Er hat nicht die schlechteste Bilanz hinterlassen. Aber jetzt wird er wohl als erfolglose Fussnote in die Geschichte eingehen, als der erste Premier, der die Spaltung seiner Partei und den Austritt aus Europa indirekt zu verantworten hat.

Was muss sein Nachfolger in dieser Situation mitbringen?
Der Kampf um die Cameron-Nachfolge muss bis am 2. September entschieden sein. Es gibt ja mit Boris Johnson einen Kandidaten, der polemisch und populär ist – das demokratische und gemässigte Gegenstück zu Donald Trump, wenn man so will. Er brennt vor Ehrgeiz und könnte es schaffen, weil er ein gewinnender und witziger Politiker ist. Dagegen steht Theresa May, eine Frau, die durchaus klug und seriös ist. Johnson kommt gut an, weil er offen und unverklausuliert spricht. Aber ob er jetzt der richtige Premier ist – ich bin hin- und hergerissen. Ich hätte es besser gefunden, Cameron hätte seine Amtszeit noch beendet.

Den Briten wurde gesagt, sie erhielten mit dem Brexit ihr Land zurück. Wie wird dieses Land in einigen Jahren aussehen?
Wenn ich das genau wüsste, wäre ich wohl Milliardär. Es könnte durchaus sein, dass Grossbritannien jetzt zunächst einige Schwierigkeiten meistern, einen wirtschaftlichen Abschwung und Arbeitsplatzverluste hinnehmen muss. Ökonomisch glaube ich aber nicht, dass der Austritt einen gravierenden Unterschied machen wird, wenn alle beteiligten politischen Akteure Vernunft walten lassen. Auf der anderen Seite verstehe ich, dass Angst vor Einwanderung und die Furcht vor dem Islam weiter wachsen werden. Immerhin wächst Grossbritannien derzeit jedes Jahr um eine Grossstadt mit rund 500‘000 Einwohnern. Das ist auf Dauer nicht tragbar.
Mit freundlicher Genehmigung von 20min.ch

Mittwoch, 16. September 2015

Briten wollen Kolumnistin von "The Sun" gegen 50'000 Syrer einzutauschen

Thema: Flüchtlinge

Briten wollen Kolumnistin nach Syrien abschieben

Eine Kolumnistin der britischen «The Sun» vergleicht Flüchtlinge mit Kakerlaken. Jetzt fordern ihre Landsleute, sie gegen 50'000 Syrer einzutauschen.

Foto: Screenshot
«Zeigt mir Bilder von Särgen, von Leichen, die im Wasser schwimmen, spielt Violinenmusik und zeigt mir dürre Menschen, die traurig gucken. Das ist mir immer noch egal», schrieb TV-Sternchen und Kolumnistin Katie Hopkins in der britischen Boulevardzeitung «The Sun». In ihrem Artikel mit dem Titel «Rettungsboote? Ich würde Kampfhelikopter benutzen, um die Flüchtlinge aufzuhalten» verglich sie im Frühjahr Flüchtlinge mit Kakerlaken.

Ihr Beitrag führte zu einem Aufschrei. Nach den jüngsten Bilder des toten syrischen Flüchtlingsjungen Aylan ruft jetzt eine Petition auf der Plattform «change.org» die britische Regierung auf, Hopkins nach Syrien zu schicken und im Gegenzug 50'000 Flüchtlinge aufzunehmen. Über 40'000 Menschen haben die Petition bereits unterschrieben.

«Eine der grössten Blamagen Grossbritanniens»

«Grossbritannien hat nicht genügend Platz für Flüchtlinge. Nicht weil wir voll sind, sondern weil Katie Hopkins Ego den Platz wegnimmt», schreibt Initiator Ben Fletcher auf der Seite und erklärt: «Das Ganze wäre eine Win-win-Situation. Wir retten Menschen das Leben und werden gleichzeit eine der grössten Blamagen Grossbritanniens los.»

Er wolle sich mit der Petition nicht über die Flüchtlingskrise lustig machen, erklärte Fletcher dem britischen «Independent». Er wolle die Menschen dazu animieren, sich über das Thema Gedanken zu machen. «Wenn durch die Aktion auch nur eine weitere Person zum Schluss kommt, man müsse Flüchtlingen helfen, oder sogar an ein Hilfswerk spendet, war die Petition schon erfolgreich.»

Es sei zwar tragisch, dass es erst ein Foto wie jenes vom toten Aylan, gebraucht hätte um Menschen aufzurütteln. Aber wenn es sie dazu bringe, mehr für die Flüchtlinge zu tun, sei das eben so, sagte Fletcher.

Hopkins hat sich inzwischen über Twitter gemeldet (siehe Tweet unten): «Petitionen sind grossartig. Nur ein Klick mit der Maus. Das ist Empowerment.»

Grossbritannien will 15'000 Flüchtlinge aufnehmen

Hopkins löst regelmässig Shitstorms im Internet aus – etwa mit ihrer Kampagne zum Übergewicht: Letztes Jahr nahm sie 20 Kilo zu und in wenigen Monaten wieder ab, um zu zeigen, wie einfach das sei.

Unterdessen will Grossbritannien einem Zeitungsbericht zufolge 15'000 Syrer aufnehmen. Wie die «Sunday Times» berichtete, will Premierminister David Cameron dazu ein Programm seiner Regierung zur Aufnahme von Flüchtlingen ausweiten. Über das Programm hat Grossbritannien in diesem Jahr bislang lediglich 216 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Insgesamt erhielten seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 rund 5000 Syrer in Grossbritannien Asyl.

mit freundlicher Genehmigung von 20min.ch