Freitag, 16. Januar 2015

Meine elf Gründe, mich dafür zu schämen, dass ich US-Amerikaner bin

Thema: USA
Luftpost
Der investigative US-Reporter Dave Lindorff nennt elf Gründe dafür, dass er sich schämt, US-Amerikaner zu sein.
Von Dave Lindorff
This Can't Be Happening! 09.12.14
(http://thiscantbehappening.net/node/2585?page=2)
Ich muss es sagen: Ich schäme mich, US-Amerikaner zu sein. Das fällt mir nicht leicht, weil ich auch schon an ziemlich üblen Plätzen im Ausland gelebt habe und es immer noch eine Menge Gutes und viele bemerkenswerte Menschen in unserem Land gibt. Ich bin aber zu dem Schluss gelangt, dass die heutigen USA ein kranker und zerrütteter Staat sind, in dem das Böse und nicht das Gute überwiegt.
Was US-Dollars anrichten: Bei einen US-Drohnenangriff auf den IS in Syrien getötete Kinder
(Das Foto war ohne Quellenangabe dem Originalartikel beigefügt.)

Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich auch schon früher wiederholt über unser Land entsetzt war. Das erste Mal im Alter von 17 Jahren, als ich begriff, welche Gräueltaten die USA auch in meinen Namen gegen das vietnamesische Volk begingen – im Süden mit Vergewaltigungen, mit der mörderischen Zerstörung von Bauerndörfern und mit dem Abwurf von Napalm-Bomben, in deren Feuerwalzen auch viele Kinder verbrannten (s. http://www.welt.de/geschichte/article114225870/Die-ganze-Story-um-das-Foto-vom-Napalm-Maedchen.html ), und im Norden mit Bombenteppichen, die auch viele Deiche, Schulen und Krankenhäuser zerstörten.

Ich war erschüttert und wütend, als ich später erfuhr, dass die US-Regierung während des Zweiten Weltkriegs eingebürgerte und sogar hier geborene US-Amerikaner japanischer Herkunft in Konzentrationslager eingesperrt und still schweigend geduldet hat, dass sich weiße Faschisten in Kalifornien die Häuser, Farmen und Geschäfte der Inhaftierten aneigneten (s. dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Inter

Diese schrecklichen Verbrechen verblassen aber angesichts der heute von US-Regierungen begangenen Untaten. Lassen Sie mich einige Gründe nennen, warum mich dieser Staat krank macht:

1. Es geht mir nicht nur um den gerade erst veröffentlichten, stark gekürzten und mit vielen
Textschwärzungen versehenen Bericht über das nach den Anschlägen am 11.09.(2001) bewusst eingeführte Folterprogramm der Bush/Cheney-Regierung (der nachzulesen ist unter http://www.intelligence.senate.gov/study2014/sscistudy2.pdf ), dem jahrelang nicht nur angebliche Terroristen, sondern auch Gefangene unterworfen wurden, die nachweis lich völlig unschuldig waren. Ich schäme mich vor allem dafür, dass bisher nichts unter nommen wurde und vermutlich auch weiterhin nichts unternommen wird, um diejenigen zu bestrafen, welche die dabei begangenen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlaubt und angeordnet haben, und dass so viele meiner US-Mitbürger das auch noch richtig finden. Sogar in Medien wie dem NPR (s. dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/National_Public_Radio) beschäftigen sich Reporter hauptsächlich mit der Frage, ob die Regierung durch das Folterprogramm "Informationen" über terroristische Anschläge erlangen konnte. Dabei darf das überhaupt keine Rolle spielen. Die USA haben wie alle anderen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg die UN-Antifolterkonvention (s. http://www.antifolterkonvention.de/) unterschrieben, in der die Folter als Verbrechen gebrandmarkt wird, das nach dem Völkerrecht sogar mit dem Tod bestraft werden kann. Deshalb ist es auch ein Verbrechen, Folterer nicht zu bestrafen.(s. dazu auch http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP19514_081214.pdf).

2. Die Polizei der USA wurde, was ihre Ausrüstung, ihre Ausbildung und ihr Auftreten an geht, so sehr militarisiert, dass sie jetzt eher einer Besatzungsarmee als einer Organisation von "Peace Officers (Friedensstiftern) gleicht; deshalb wirkt diese Bezeichnung heute auch so antiquiert. Die Polizisten sind sehr aggressiv geworden und wenden viel zu oft Gewalt an, auch tödliche Gewalt – in Situationen, in denen Besonnenheit und Verständnis viel wirkungsvoller wären. Mein schlimmstes Erlebnis hatte ich in Cleveland; dort beobachtete ich, wie ein Streifenwagen in einem Park direkt auf einen Aussichtspavillon inmitten einer Rasenfläche zuraste, in dem der 12-jährige Tamir Rice ganz allein mit einer Spielzeugpistole hantierte. In weniger als zwei Sekunden sprang einer der Polizisten aus dem Auto und feuerte einen Schuss auf den Jungen ab, der ihn in den Bauch traf und tötete. Es gab absolut keine Veranlassung zu dieser Exekution. Das Kind hatte niemanden bedroht.
Die Polizisten hätten in sicherer Entfernung anhalten, die Situation einschätzen und den Jungen auffordern können, den Pavillon zu verlassen und die Waffe fallen zu lassen, wenn sie tatsächlich annahmen, es handle sich um eine echte Pistole. Sie hätten ihm auch zuru fen können, sich nicht von Fleck zu rühren und die Waffe fallen zu lassen; falls er sich geweigert hätte, Verstärkung und einen ausgebildeten Unterhändler anfordern können. Statt dessen kamen sie angerast, als müssten sie eine Geisel retten und schossen das Kind ohne Vorwarnung tot. Als der Junge in seinem Blut lag, versuchten sie noch nicht einmal, ihm zu helfen. Und was das schlimmste war, wo blieb die allgemeine Empörung über die se ungeheuerliche Mordtat eines Polizisten? Es gab auch keine Welle allgemeiner Empörung, als Michael Brown in der Stadt Ferguson in Missouri (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Todesfall_Michael_Brown ) von einem Polizisten exekutiert wurde oder gegen den völlig sinnlosen Erdrosselungstod Eric Garners (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Todesfall_Eric_Garner) auf Staten Island in New York; in bei den Fällen wurden die uniformierten Mörder von manipulierten und irregeführten Grand Juries (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Jury) vor einer Bestrafung bewahrt. Stattdessen dürfen in TV-Shows interviewte Weiße ihre Meinung kundtun, dass die Polizisten richtig gehandelt hätten. (Weitere Informationen zum US-Polizeistaat sind nachzulesen unter http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_12/LP00312_030112.pdf und http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP18714_261114.pdf.)

3. Aber das ist noch nicht alles. Es widert mich an, dass unser Präsident noch nicht einmal den Mumm hat, Folter als Verbrechen zu bezeichnen und darauf zu bestehen, dass alle angeklagt werden, die unserem Militär und der CIA befohlen haben, im so genannten Krieg gegen den Terror auch Gefangene zu foltern. Außerdem sollte Präsident Obama sein so genanntes Justizministerium umgehend anweisen, Polizisten, die unbewaffnete Bürger töten, selbst anzuklagen, wenn die zuständigen Staatsanwaltschaften vor Ort sich weigern, das zu tun; er sollte auch endlich dafür sorgen, dass Strafverfahren gegen alle Angestellten der US-Regierung eingeleitet werden, die Folterungen angeordnet, durchge führt oder gedeckt haben. Präsident Obama soll ja unter Sodbrennen leiden, das deutet darauf hin, dass wenigstens sein Verdauungstrakt ein Gewissen hat.

4. Es widert mich an, dass nach Angaben der Prison Policy Initiative (der Initiative zur Ver änderung der Inhaftierungspraxis, s.  http://en.wikipedia.org/wiki/Prison_Policy_Initiative ) derzeit rund 2,4 Millionen Menschen in US-Gefängnissen sitzen, obwohl nur zwei Drittel von ihnen bereits zu einer Strafe verurteilt sind, während die meisten des restlichen Drittels noch auf ihre Prozesse warten und nur deshalb einsitzen, weil sie die durch unsere korrupten Gerichte viel zu hoch angesetzten Kautionen nicht bezahlen können. Wen wun dert die hohe Zahl der Häftlinge, wo doch seit Ende der 80er Jahre bis zum Jahr 2008 die Anzahl der mit Haft zu bestrafenden Handlungen von 3.000 auf 4.450 angehoben wurde, weil die Scharlatane im Kongress die Gesetze ständig verschärft haben, um noch mehr "strafbare Verbrechen" zu generieren. Und dabei sind die von einzelnen Bundesstaaten und lokalen Verwaltungen geschaffenen und verfolgten Straftatbestände noch nicht einmal mitgezählt; daraus erklärt sich auch, warum 25 Prozent aller in Gefängnissen auf der ganzen Welt einsitzenden Häftlinge US-Bürger sind, obwohl die Bevölkerung der USA nur 5 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht. Auch mir selbst hat vor kurzem in einer benach barten Stadt ein krimineller Polizist eine Gefängnisstrafe angedroht, weil ich trampen woll te, obwohl Trampen in meinem Staat erlaubt ist und, falls es als Verkehrsgefährdung an gesehen wird, allenfalls wie Falschparken mit einer Geldbuße, aber nicht mit Inhaftierung geahndet werden darf. Das war dem Uniformierten mit umgeschnallter Pistole aber völlig egal – wenn ich nicht aufgehört hätte, meinen Arm mit dem nach oben zeigenden Daumen auszustrecken, hätte mich dieser Rabauke auch noch mit seinem Polizeiknüppel traktiert und mir eine Straftat wie Widerstand gegen die Staatsgewalt, Störung der öffentlichen Ordnung oder noch Schlimmeres unterstellt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der fast al les unter Strafe gestellt ist und die von Polizisten beherrscht wird, denen es offensichtlich Vergnügen bereitet, die Bürger zu schikanieren (s. dazu auch  http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP24111_191211.pdf.)

5. Es macht mich krank, mitzuerleben, dass eine Kommune nach der anderen per Verord nung verbietet, Obdachlose mit Nahrungsmitteln zu versorgen – und das in einem Land,
das nach der großen Rezession (von 2008) immer noch, je nach Zählweise, eine Arbeits losenquote zwischen 18 und 20 Prozent hat.

6. Ich schäme mich und bin wütend auf die Wall Street, die eigentlich nur ein gigantischer Tatort ist, an dem in den letzten drei Jahrzehnten den einfachen US-Bürgern Billionen Dol lars geraubt wurden, die in die Taschen der 1 bis 5 Prozent Superreichen wanderten; in der US-Gesellschaft herrscht jetzt die größte Ungleichheit, bezogen auf die 34 wohlha bendsten Staaten der Welt. Und kein Chef einer der Banken, "die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen", wurde wegen seiner Verbrechen angeklagt, geschweige denn für seinen Anteil an dem größten Schwindel, den die Welt je erlebt hat, verurteilt und einge sperrt. In den seltenen Fällen, in denen das Justizministerium Verfahren gegen diese kriminellen Bankster eingeleitet hat, wurden "Vergleiche" geschlossen und symbolische Geldstrafen verhängt, aber kein einziger dieser korrupten Typen verlor seinen lukrativen Posten und seine Macht; sie mussten noch nicht einmal Schuldeingeständnisse ablegen. Diese Gangster in Nadelstreifen müssen keine gestreiften Sträflingsanzüge tragen, sie werden regelmäßig ins Weiße Haus und in den Kongress eingeladen und dürfen die Re gierung und die Parlamentarier mit ihren "weisen Ratschlägen" beglücken; dafür belohnen die Nadelstreifen-Bankster dann ihre Gastgeber mit großzügig bemessenen Nebenein künften und "Wahlkampfspenden", die eigentlich nur getarnte Bestechungsgelder sind.

7. Ich bin empört und beschämt, weil mein Land jährlich weit über eine Billion Dollars für sein Militär ausgibt und Truppen in mehr als 800 US-Basen stationiert hat, die über die ganze Erde verstreut sind. Und das, obwohl 50 Millionen US-Amerikaner – darunter viele Kinder – unter einer "ungesicherten Ernährung" leiden, also oft hungern müssen. Und ob wohl Unterstützungsleistungen wie Lebensmittelgutscheine und Arbeitslosenhilfe "aus Ersparnisgründen" ständig gekürzt werden. Am schlimmsten aber ist, das sich kaum jemand über diesen nationalen Skandal aufregt. Tatsächlich halten viele US-Amerikaner, wahr scheinlich sogar die Mehrheit, die Ausgaben für das Militär für notwendig, weil es angeb lich "für unsere Sicherheit" sorgt und "Arbeitsplätze" schafft. Dabei sind die USA, mein Land, in Wahrheit heute der größte terroristische Staat der Welt, der nachweislich ständig andere Länder überfällt und damit das Völkerrecht bricht, mit Drohnen außerhalb unserer Grenzen mordet, Menschen verschleppen, foltern und verschwinden lässt und immer wie der den Sturz häufig demokratisch gewählter Regierungen ausländischer Staaten finanziert.

8. Ich finde es unerträglich, dass ein halbes Jahrhundert, nachdem es den Freedom Ri ders (der US-Bürgerrechtsbewegung, s. http://de.wikipedia.org/wiki/Freedom_Ride ) und dem mutigen Einsatz lokaler Bürgerinitiativen gelungen ist, die Jim-Crow-Gesetze im Sü den (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Jim_Crow), mit denen Generationen von Afroamerika nern das Wahlrecht verweigert wurde, außer Kraft setzen zu lassen, heute in der Hälfte unserer Landes – und nicht nur im Süden – wieder versucht wird, Schwarze, Hispanos und sonstige Menschen anderer Hautfarbe (durch schikanöse Auflagen) am Wählen zu hindern. Und unsere korrupten Gerichte lassen das in vielen Fällen zu – auch der US Su preme Court (http://de.wikipedia.org/wiki/Oberster_Gerichtshof_der_Vereinigten_Staaten), der derzeit von Faschisten, Ultrakonservativen und religiösen Fanatikern dominiert wird.

9. Ich bin entsetzt darüber, dass sich die meisten meiner US-Mitbürger mehr darum sorgen, das neueste iPhone zu bekommen und ihr quasi gottgegebenes Recht auf den Besitz einer lizenzfreien automatische Waffe zu behalten, als um den Schutz ihrer Privatsphäre vor Ausspähungsversuchen der Regierung oder darum, dass sich US-Konzerne nach dem gewonnenen Rechtsstreit der Citizens United (s. http://en.wikipedia.org/wiki/Citizens_United_v._Federal_Election_Commission ) ihre Vertreter in der Regierung jetzt direkt kaufen können – wie ein Stück Rindfleisch.

10. Es widert mich an, dass meine Landsleute es nicht mehr für wichtig halten, dass in un serer Gesellschaft die grundlegenden Dienstleistungen gesichert sein müssen, damit Men schen der Armut entrinnen können. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass alle Kinder eine (kostenlose) öffentliche Schule und anschließend – kostenfrei oder für eine geringe Gebühr – ein steuerfinanziertes College besuchen können, das so strukturiert sein sollte, dass die Studenten neben dem Studium auch noch für ihren Lebensunterhalt arbeiten können. Der Affordable Care Act (Obamas gründlich misslungene Krankenpflichtversiche -rung, s. http://de.wikipedia.org/wiki/Patient_Protection_and_Affordable_Care_Act) garan tiert keine ausreichende Krankenfürsorge und zwingt zu Zusatzversicherungen, die sich nur wenige leisten können. Wer einen Zuschuss zu der Pflichtversicherung erhält, ist da für, wer über seinen Arbeitgeber versichert ist, lehnt sie ab. Das gilt auch für andere Berei che. Die heutigen US-Bürger haben nichts mehr für solidarische Lastenteilung und ge meinsame (Arbeits-)kämpfe übrig. Bisher wurde nur die Generation der über 60-Jährigen – zu der auch ich gehöre – meiner Meinung nach zu Unrecht als egoistisch angesehen. Heute sind die gesamten USA zu einem Staat von Egoisten verkommen.

11. Zum Schluss darf ich nicht das Problem der Klimaveränderung vergessen. Die USA gehören zu den Hauptverursachern der Klimaveränderung, weil sie bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zweifellos das am stärksten industrialisierte Land der Welt waren. Heute hat China als Staat zwar die höchste Kohlendioxid-Emission, aber die Pro-Kopf-Emission ist in den USA immer noch mindesten fünfmal höher als in China. Trotzdem haben sich die USA bisher immer am heftigsten der Verlangsamung und Umkehrung der Klimaveränderung wi dersetzt. Die vorherige und die jetzige US-Regierung haben alle Bemühungen um eine in ternationale Vereinbarung über die Reduzierung der Treibhausgase sabotiert; die NSA hat sogar die Verhandlungspositionen anderer Staaten ausspioniert, damit klar war, wer er presst werden musste. Es ist erschütternd, dass den egoistischen US-Amerikanern die Probleme, die nicht nur unseren Enkeln, sondern sogar schon unseren Kindern aus der Klimaveränderung erwachsen werden, völlig egal sind. Sogar die Weltbank, deren Haupt anliegen sicher nicht der Umweltschutz ist, warnt davor, dass heutige Teenager, wenn sie 80 sind, mit einem erschreckenden Temperaturanstieg von 6 bis 8 Grad Celsius rechnen müssen. Der wahnsinnige Egoismus der US-Amerikaner ist mir unbegreiflich. Ich könnte noch mehr Gründe aufzählen, glaube aber, dass meine elf Gründe, mich für mein Land zu schämen, genug sein müssten. Mir reichen sie jedenfalls.
Quelle: Luftpost



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