Freitag, 16. Dezember 2016

Nahostexperte: Der Westen will in Aleppo seine Todfeinde retten

Thema: Syrien

Nahostexperte:
«Der Westen will in Aleppo seine Todfeinde retten»

von Ann Guenter - Was bedeutet der Fall Aleppos für den Syrienkrieg? Der Nahostexperte Abdel Mottaleb el Husseini im Interview.

Die Kämpfe in Aleppo gehen weiter, die Waffenruhe ist gescheitert, der vereinbarte Abzug der Rebellen ebenso. Gleichsam ist die Einnahme der Stadt durch die Truppen von Bashar al-Assad besiegelt. Der Nahostexperte Abdel Mottaleb el Husseini erklärt, wieso das noch lange kein Ende des Syrienkriegs bedeutet, in was für einem Dilemma der Westen steckt und was die wenigen Optionen sind, die er noch hat.

Abdel Mottaleb el Husseini Der Nahostexperte und Publizist Abdel Mottaleb el Husseini wurde 1949 im Libanon geboren und lebt heute in Deutschland. Er beschäftigt sich mit der politischen Landschaft der arabischen Welt und den Beziehungen der Golfstaaten zum Westen. Seine Beiträge sind unter anderem in der «Frankfurter Rundschau», der NZZ, dem WDR oder der Deutschen Welle erschienen.
Herr Husseini, inwiefern ist die Eroberung Aleppos ein Wendepunkt im Syrienkrieg?
Ich bin froh, dass Sie die Eroberung Aleppos auch als solche bezeichnen – und nicht als Befreiung, wie das syrische Regime es darstellt. Die Eroberung bedeutet nicht automatisch das Ende des Krieges, doch der symbolische Stellenwert ist sehr hoch: Denn Aleppo ist nicht nur die zweitgrösste Stadt und das Wirtschaftszentrum im Land, es ist auch ein sunnitisches Zentrum. Für die Jihadisten, namentlich die al-Nusra-Front, die dort die Oberhand hatten, war die Stadt ein befreites Gebiet. Jetzt aber beherrscht das Assad-Regime diese wieder – ein harter Schlag für die Assad-Gegner nicht nur in Syrien, sondern auch in der Region: für Saudi Arabien, für die Türkei. Assad kann sich jetzt erholen und hat eine starke Position am Verhandlungstisch. Und natürlich ist die Eroberung Aleppos auch ein grosser Erfolg für die Russen, die jetzt endgültig die Herren im Land sind.

Alle reden von den in Ost-Aleppo eingeschlossenen Rebellen. Sind das noch die Regimegegner von 2011/12?
Nein. Die grösste Gruppierung der Rebellen, die in Aleppo auch die Überhand hat, ist die al-Nusra. Mittlerweile heisst sie Dschaisch al-Fatah, Eroberungsarmee auf Arabisch. Sie ist letztlich ein Teil von al-Qaida. Dann gibt es noch die Überreste der Freien Syrischen Armee und andere jihadistische Gruppierungen. Aber man muss klar sehen: Der bewaffnete Arm der gemässigten Opposition hat in Syrien schon lange keinen Einfluss mehr. Also: In Ost-Aleppo dominieren die Extremisten der al-Nusra-Gruppe. Es ist manchmal frustrierend zu sehen, wie das international heruntergespielt wird, obwohl diese Organisation aus Aleppo, aus ganz Syrien, vertrieben werden muss.

Also macht sich der Westen in Ost-Aleppo für Terroristen stark?
Es ist ein Dilemma sondergleichen. Die Amerikaner und der Westen haben in der Region das grosse Problem, keine Gesprächspartner mehr zu haben. Im Gegensatz zu den Russen, die von Anfang an ihre Ziele, ihre Verbündeten und das syrische Regime als Basis in der Region hatten. Das ist das Dilemma: Wenn die USA und der Westen jetzt Druck machen, um diese Rebellen in Aleppo zu retten, dann retten sie in Wahrheit ihre Todfeinde. Diese Organisationen terrorisieren nicht nur Syrien, sie sind eine Gefahr und eine Bedrohung für die ganze Welt.

Es gibt aber auch Tausende eingeschlossene Zivilisten.
Natürlich! Sie sind mehrheitlich die Opfer der Extremisten. Die Zivilbevölkerung hat enorm unter der Herrschaft der Jihadisten gelitten. Denn diese haben die säkularen, oppositionellen Kräfte ausgeschaltet – mit der Unterstützung von Saudi Arabien und Qatar und der Hilfe dort ansässiger Organisationen. Das alles hat dazu geführt, dass die gemässigte, weltliche Opposition in Syrien schon lange so gut wie keinen Einfluss mehr hat. Natürlich haben die Rebellen auch Anhänger unter der Zivilbevölkerung. Die Mehrheit aber will endlich ein Ende des Schreckens und kein Schrecken ohne Ende. Wichtig wäre jetzt also die Regelung des freien Geleites für die bewaffneten Rebellen und ihre Anhänger in die Rebellengebiete im Nordosten des Landes, denn sie haben verloren.

Besiegelt das nicht gleichzeitig die Teilung Syriens?
Ja. Faktisch ist Syrien längst zwischen den Gebieten des Regimes und der Opposition geteilt, die Grenzen von Sykes-Picot zerfallen. Niemand weiss, wie es weitergeht. Kommt dazu, dass diese Krise sehr internationalisiert ist und es viele versteckte Spielchen gibt. Das syrische Regime ist jedenfalls nicht mehr in der Lage, das gesamte Land zu kontrollieren, auch wenn es nach seinem so genannten Sieg in Aleppo die wichtigsten Gebiete, die Grosstädte, beherrscht.

Kommt mit einer Teilung denn der Friede?
Davon gehe ich nicht aus. Es kommt allerdings auch sehr auf die regionalen Mächte an, ob sie in der Lage sind, die Rebellen weiter zu unterstützen. Es sieht nicht danach aus. Saudi Arabien sitzt bis zum Hals im Jemen im Dreck, mit Verlaub. Auch die Türkei hat mit dem Kurdenkonflikt grosse Probleme. Das heisst, die Gegner Assads haben mehr Schwierigkeiten am Hals als Assad selbst.

Ist jetzt der Zeitpunkt für Verhandlungen des Westens mit Assad gekommen?
Unbedingt. Das Kräfteverhältnis hat sich längst verändert. Der Westen muss klare, realistische Ziele definieren. Es gibt keine Alternative. Assad muss Teil der Lösung für Syrien sein, denn er weiss immer noch eine starke Basis hinter sich. Realistischerweise muss der Westen vor allem einen Konsens mit Assads Herren, etwa Russland und Iran, finden. Nur so kann Assad seinen Krieg nicht weiter führen. Es geht nicht anders. Der Westen beweint jetzt die Menschen in Aleppo. Aber tatsächlich ist im Westen niemand an einer politischen Lösung der Krisen in der Region interessiert. Moralisch schwingt man die Keule und ist gleichzeitig politisch untätig. So wird auch die Flüchtlingskrise nicht gemeistert, das sollte man im Westen wissen.

Mit freundlicher Genehmigung von 20min.ch

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