Freitag, 9. September 2016

Türkei: Ministerium verhindert Interview-Ausstrahlung der Deutschen Welle

Thema: Türkei

Deutsche Welle
Türkisches Ministerium will Interview-Ausstrahlung verhindern

Ein türkischer Minister hat der Deutschen Welle (DW) erst ein Interview gegeben und wollte dann die Ausstrahlung verhindern. Den DW-Darstellungen zufolge hat die Türkei das Material sogar konfiszieren lassen. Dem widerspricht der Minister nun.

Akif Cagatay Kilic, türkischer Minister für Jugend und Sport, reagierte nach der Aufzeichnung höchst ungewöhnlich. "Nachdem der Minister den Raum verlassen hatte, teilte der Pressesprecher des Ministers überraschend mit, dass die DW das Interview nicht senden dürfe", so der Auslandssender. Trotz Protesten des Deutsche-Welle-Teams in Ankara sei das Videomaterial von Mitarbeitern des Ministeriums konfisziert worden.

"Dabei wurde dem Team der DW klar bedeutet, dass es das Ministerium nicht im Besitz des Videomaterials verlassen dürfte", teilte der Sender weiter mit. Es handelte sich um ein Interview für die DW-Sendung "Conflict Zone" mit Michel Friedman, der das Gespräch mit Kilic am Montagabend führte.

Die Deutsche Welle forderte die türkischen Behörden zur sofortigen Herausgabe des Videomaterials auf. Sie prüft zudem mögliche rechtliche Schritte.

Kilic meldete sich am Dienstagabend bei Twitter zu Wort und dementierte, dass das Videomaterial beschlagnahmt worden sei. Solche Berichte entsprächen nicht der Wahrheit, so Kilic. Man habe lediglich gefordert, das Interview nicht auszustrahlen. Die Deutsche Welle müsse diesem Wunsch nach Autorisierung nachkommen.

"Erfüllt den Tatbestand der Nötigung"

DW-Intendant Peter Limbourg hatte zuvor von einem "neuen eklatanten Verstoß gegen die Pressefreiheit in der Türkei" gesprochen und kritisierte: "Was wir hier erleben, erfüllt den Tatbestand der Nötigung durch die türkische Führung. Das hat mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nichts mehr zu tun." Es könne nicht sein, dass ein Minister bereitwillig ein Interview gebe und dann dessen Ausstrahlung verhindern wolle, "weil ihm die Fragen nicht gepasst haben".

DW-Sprecher Christoph Jumpelt sagte: "Wir haben unverzüglich noch gestern Abend die Deutsche Botschaft in Kenntnis gesetzt." Er betonte, dem Team sei "mit keiner Silbe erklärt worden", warum das halbstündige Interview nicht gesendet werden dürfe.

DJV: "schwerstmöglicher Angriff auf Pressefreiheit"

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte die türkischen Behörden auf, das beschlagnahmte Material unverzüglich herauszugeben. "Das ist der schwerstmögliche Angriff auf die Pressefreiheit, wie wir ihn nur aus Diktaturen kennen", kritisierte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Das Auswärtige Amt müsse sich einschalten.

Die Deutsche Welle beschreibt ihre Sendung "Conflict Zone" als Format mit "konfrontativen Interviews mit internationalen Entscheidungsträgern". Kilic wurde im nordrhein-westfälischen Siegen geboren. Später besuchte er die Deutsche Schule in Istanbul. Er ist seit Ende 2013 Jugend- und Sportminister.

Quelle: t-online.de

Kommentare

Michael_Z
Anscheinend glaubt unsere Bundesregierung auch an den Weihnachtsmann, wenn sie immer und immer wieder auf die türkischen Worthülsen hereinfällt. Erdogan will die Fragen ausschließlich nach seinen Vorstellungen und seinem Willen gelöst sehen und wir geben jedesmal klein bei. Eine Zusammenarbeit beruht auf gegenseitigem geben und nehmen und nicht nur aus einseitigem fordern und verlangen.

dayhawk
Es ist doch nichts Neues das Erdogan und seine Regierung Deutschland als Kolonie sehen, da sollte man eigentlich nicht verwundert sein über dehn Türkischen Sportminister. Bin mal gespannt wie das weiter geht.

Salzig
warum überrascht mich das nicht?

Risus
Auch hier wird unsere Regierung wieder klein beigeben. Alles was die Türkische Regierung auch nur im Ansatz verärgern könnte, wird klein geredet, Entschuldigungen ausgesprochen. Kurz gesagt, unsere Politiker kratzbuckeln wieder. Es ist einfach nur noch traurig.



Michel Friedmann äußert sich
Darum will die Türkei das DW-Interview verbieten

Die Beschlagnahmung eines Interviews der Deutschen Welle (DW) mit dem türkischen Minister für Jugend und Sport hat zu einem heftigen Streit zwischen dem Sender und dem Ministerium in Ankara geführt. Michel Friedman, der das Interview am Montagabend geführt hatte, meint den Grund dafür zu kennen.

Bei dem Gespräch mit Minister Akis Cagatay Kilic sei es um verschiedene Themen gegangen, so Friedman. "Wir landeten dann auch bei - ein Stichwort, das ihm überhaupt nicht gepasst hat - bei den Rechten der Frauen." Dabei ging es um die Situation von Frauen und Verhütung.

Nachdem das Fernsehteam das Gebäude bereits verlassen habe, seien Vertreter des Ministeriums gefolgt. Nach einer kurzen Diskussion über den Inhalt des Interviews sei der Kameramann auf Türkisch aufgefordert worden, die Chipkarte aus der Kamera herauszunehmen.

Der Ministeriumsvertreter sei mit dem Chip dann wieder im Gebäude verschwunden. "Wir haben kein Material mehr", so Friedman.

Kilic streitet alles ab

Kilic bestreitet die Beschlagnahme des Interviews für das DW-Format "Conflict Zone" (Konfliktzone). Solche Berichte entsprächen nicht der Wahrheit, teilte er am Dienstagabend via Twitter mit. Man habe lediglich gefordert, das Interview nicht auszustrahlen. Die Deutsche Welle müsse diesem Wunsch nach Autorisierung nachkommen.

Ein DW-Sprecher bezeichnete die Behauptung daraufhin als "schlichtweg abenteuerlich". "Wenn das Videomaterial nicht unrechtmäßig konfisziert worden wäre, hätte die DW das Material noch und könnte die Sendung wie geplant ausstrahlen."

Herausgabe gefordert

Der deutsche Auslandssender forderte die türkischen Behörden zur sofortigen Herausgabe des Videomaterials auf. Sie prüfe zudem mögliche rechtliche Schritte. Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte die türkischen Behörden auf, das beschlagnahmte Material unverzüglich herauszugeben. "Das ist der schwerstmögliche Angriff auf die Pressefreiheit, wie wir ihn nur aus Diktaturen kennen", kritisierte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Das Auswärtige Amt müsse sich einschalten.

Quelle t-online.de

ERGÄNZUNG

Regierung stellt sich hinter Friedman

Berlin. Im Streit um die Beschlagnahmung eines Interviews mit dem türkischen Sportminister hat sich die Bundesregierung hinter die Deutsche Welle (DW) gestellt. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: „Die Pressefreiheit ist für uns ein hohes, nicht zu verhandelndes Gut.“ Dies gelte nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland. Sportminister Akif Cagatay Kilic hatte dem DW-Moderator Michel Friedman am Montag ein Interview gegeben. Nach Angaben des Senders wurde das Material aber danach von seinem Ministerium konfisziert.

Quelle: gedruckte Westfalenpost vom 08.09.2016

Kommentare von der t-online-Seite

Skywriter
Reden wir hier eigentlich über die gleichen Türken die bei uns uneingeschränkte Presse- und Redefreiheit (für sich!) einfordern, und daß ihr Obersultan per Videoleinwand hier seine Reden schwingen darf?

bodo13
Diese Türken hängen mir langsam zum Hals raus. Kein Rückgrat von A.M. Die wird noch ihr blaues Wunder erleben - aber vor Allem wir! Sie kriecht diesem Diktator und seinen Hofnarren in den.... rein... Nach Interviews mit Türken müssen wir künftig Polizeischutz verlangen!!!!

fawebo
Dies zeigt, wie stark die türkischen Behörden von Erdogan gesteuert sind. Ich fahre nicht mehr in dieses doch so tolle Land in Urlaub. In meinem Bekanntenkreis reagieren die Meisten genau so. Schade für die Bevölkerung, aber der Großteil hat ja diesen "Großmogul", mit irren Ansichten, gewählt.

pfalzman
Und unsere Kanzlerin unterwirft sich weiterhin diesem Regime. Ein anderes Wort wäre eine Beleidigung für rechtsstaatliche Regierungen.
Auf die Einbestellung des türkischen Botschafters und einen geharrnischten Protest werden wir vergeblich warten.

fkg15
jeder Interviewte hat das Recht am Ende des Interviews seine Zustimmung zurückzuziehen. Das mag dem Medium mißfallen ist aber wohl so. Ob ein Beschlagnahme des Chips ein rechtsstaatlicher Vorgang ist, ist zu verneinen. Aber die Türkei ist in meinen Augen kein Rechtsstaat, sondern hat sich zu einer Demokratur entwickelt. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Executive, Legslative und Judikative, ergo kann man nicht von einer Demokratie reden und auch keine rechtsstaatliche Vorgehensweise erwarten.
Deshalb werde ich auch das Staatsgebiet der Türkei meiden; sowie ich alle Gebiete meide die eine autokratische Regierungsform haben.


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