Mittwoch, 21. September 2016

Islamischer Staat - zukünftig Frauen als neue Geheimwaffen?

Thema: Terrorismus

Radikalisierung junger Frauen
"Das Märtyrermodell ist auch für Mädchen attraktiv"

In Deutschland radikalisieren sich immer mehr muslimische junge Frauen, berichtet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). t-online.de sprach mit dem Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak über die Gründe für diese Entwicklung.

Laut der Beratungsstelle Radikalisierung des BAMF steigen die Beratungen von Mädchen rapide an. So seien es 2015 bereits knapp die Hälfte aller Fälle gewesen. Parallel scheint der Islamischer Staat geschickt eine neue Strategie zu entwickeln, verstärkt Frauen zu rekrutieren.

Frauen als neue Geheimwaffen

Terrorismus-Experten warnten in jüngster Zeit bereits, dass der IS mittlerweile gezielt Mädchen anspricht - und zwar nicht wie bisher mit dem Slogan "Werde Ehefrau eines Märtyrers", sondern mit dem Ziel, selbst eine "Mudschahida", eine "Kämpferin für Gott" zu sein.

Ahmet Toprak teilt diese Befürchtungen. Bis vor einem halben Jahr habe der IS Frauen eher "eine weiche Rolle als Bindeglied in der Gemeinde" zugedacht, die sich um das Wohl der Kämpfer kümmern. Jetzt haben sich die Terroristen offensichtlich "von diesem Modell verabschiedet", sagte er zu t-online.de. Sie haben erkannt, dass "das Märtyrermodell auch für Mädchen attraktiv ist".

"IS hat perfide Strategie"

"Der IS ist zudem bekannt für seine perfiden Strategien", gibt er zu bedenken. Normalerweise erwarte man von Mädchen keine Bedrohung. Sie seien in dem Zusammenhang mit Anschlägen auch noch nicht verstärkt aufgefallen. Das könnten die Terroristen sich auch künftig stärker zunutze machen. Junge Frauen wären dann in der Tat so etwas wie Geheimwaffen.

Gleichberechtigung wirkt anziehend

Toprak weiß, dass IS und Salafisten junge Menschen gerne damit ködern, dass sie sie als gleichberechtigte Partner ansprechen. "Auch Mädchen bekommen das Gefühl vermittelt, dass sie was zu sagen haben." Das könne für junge Frauen aus einem streng muslimischen Elternhaus besonders attraktiv wirken. Oft genießen ihre Brüder im Alltag mehr Freiheiten. Der IS hingegen verspreche harte aber gleiche Rechte und Pflichten für jeden.

Generell setzten die Anwerber "auf die Anerkennungsschiene", erklärt der Experte. Mit Botschaften wie "Du bist wichtig", "Du kannst Dich einbringen", "Wir brauchen nur Dich" bieten sie den Jugendlichen ein Zugehörigkeits- und Identitätsgefühl. Wenn im Elternhaus und in der Schule Aufmerksamkeit und Anerkennung fehlen, wird man für eine solche Werbung besonders anfällig. Da Mädchen oft nicht den gleichen Stellenwert haben wie Jungen könnte auch das zusätzlich attraktiv wirken.

Außerdem spiele bei allen Jugendlichen auch das Gefühl der Diskriminierung eine Rolle. Wer sich gesellschaftlich nicht anerkannt fühlt, neigt eher dazu, auf religiöse Propaganda hereinzufallen.

Jugendliche werden emotional geködert

Diese gefühlsmäßige Ansprache passt auch zu der Einschätzung, die der Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, vor kurzem abgegeben hat: "Die Internet-Propaganda [des IS] ist nach wie vor sehr stark - die wissen, wie man die Jugendlichen emotional abholt."

Maaßen sieht noch einen weiteren geschlechtsspezifischen Unterschied: "Für viele junge Männer hat das Ganze eine Art Event-Charakter, die wollen nicht zu den Under-, sondern den Topdogs zählen." Bei den Mädchen spiele bei der islamistischen Radikalisierung "eher die Romantik eine große Rolle".

In Sozialen Netzwerken oder Chatrooms nähern sich Terroristen oft Frauen, indem sie ihnen Komplimente machen und Liebe vortäuschen, berichtete bereits Sara Kahn, Direktorin der britischen Organisation "Inspire".

Mädchen radikalisieren sich im stillen Kämmerlein

Die Radikalisierung von Mädchen vollziehe sich "eher im Stillen", als "Kinderzimmerradikalisierung", sagt Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Jungen würde häufiger auffallen, weil sie provozieren und auf Konfrontation setzen.

Experte Toprak hingegen sieht in dem Rückzug aus der Öffentlichkeit ein ganz typisches Warnsignal - für beide Geschlechter. Mädchen seien jedoch eher traditionell als Jungen an das Zuhause gebunden und nach innen orientiert. Das mache das Erkennen schwieriger.

Bei Jungen fallen Radikalisierungsprozesse außerdem eher auf - etwa wenn sie sich einen Bart wachsen lassen und plötzlich oft in die Moschee gehen, die traditionell ein Männer-Ort sei.

"Je jünger, desto besser"

Nach Angaben von Kiefer verschiebe sich die Altersgrenze immer weiter nach unten. So seien "bereits 13-Jährige unter den Mädchen, die sich radikalisiern". Toprak denkt, dass es eine Strategie der Terroristen sei, sich gezielt jüngere Menschen auszusuchen. "Diese Jugendlichen sind noch nicht so gefestigt in ihrer Meinung und leichter zu manipulieren. Je jünger, desto besser".

Toprak rät Eltern, sich stärker dafür zu interessieren, was ihre Kinder im Internet tun. Oft sind diese für Propaganda anfälligen Jugendlichen "verwahrlost, was das Netz angeht". Es fehle an Kontrolle und aufklärenden Gesprächen.

Internet als Schlachtfeld

Das wirksamste Mittel seien jedoch Berichte von Aussteigern, die die Propaganda enthüllen und berichten, wie es wirklich abläuft, sagt Toprak.

Das Londoner Institute for Strategic Dialogue, das Online-Posts von westlichen Mädchen und Frauen in IS-Gebieten unter die Lupe genommen hat, schlägt deshalb vor, das Internet zum entscheidenden Schlachtfeld zu machen: Dort müsse man den IS sozusagen mit den eigenen Waffen schlagen: "Gegenerzählungen müssen entwickelt werden und auf ein weibliches Publikum abzielen."

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Quelle : t-online.de

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