Freitag, 5. August 2016

In der Türkei findet eine kollektive Gehirnwäsche statt

Thema: Türkei

Ausnahmezustand in der Türkei:
Nach dem Putschversuch verbietet Ankara Akademikern die Ausreise. 
(Quelle: dpa) Akademikerin flieht nach Deutschland

Das Aufräumen durch die Regierung in der Türkei geht weiter. Tausende Menschen sind in Haft, Zehntausende Lehrer und Akademiker entlassen. Zudem lässt Ankara gut ausgebildete Wissenschaftler nicht ausreisen. Auch die Akademikerin Ayse Yilmaz (Name von der Redaktion geändert) kam in eine heikle Situation. t-online.de hat mir ihr gesprochen.
t-online.de: Frau Yilmaz, Sie waren während des Putschversuches des türkischen Militärs in Istanbul. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Ich war bei meiner Familie, als im Fernsehen und dann in den sozialen Medien mehr und mehr darüber berichtet wurde. Direkt gesehen haben wir zunächst nicht viel. Natürlich ist uns dann später die starke Militär- und Polizeipräsenz ausgefallen.

Was war Ihr erster Gedanke?

Nicht schon wieder. Das türkische Militär hat nämlich schon mehrmals in der Geschichte der Türkei geputscht. Jedesmal wurde das Land mehrere Jahre zurückgeworfen. Geschlafen habe ich in dieser Nacht kaum.

Dann wollten Sie aber weg.

Ja, ich durfte aber nicht (lacht).

Sie haben Ihren Humor nicht verloren. Warum durften Sie nicht nach Deutschland reisen?

Den braucht man, um nicht durchzudrehen. Ich war mehrere Jahre als Lehrerin tätig, bis ich mich entschied zu promovieren. Dazu musste ich mich aber vom Bildungsministerium freistellen lassen. Eingeschrieben habe ich mich dann an einer Universität in Deutschland. Die Doktorarbeit ist fertig. Am Flughafen ließ man mich nicht fliegen. Aufgrund des Ausnahmezustands müsse die Freistellung durch das Bildungsministerium aktualisiert werden, hieß es.

Ihren Flug haben Sie verpasst, wie ging es weiter?

Ich war natürlich im ersten Moment geschockt. Ich bin dann direkt zu einer Nebenstelle des Bildungsministeriums. Dort wollte man mir den Schein aber nicht aktualisieren. Kein Beamter dort wollte die Verantwortung dafür übernehmen. Es war ein chaotischer Zustand. Ich war wie gelähmt.

Was ist dann passiert?

Es gab viele endlose Diskussionen: Wie alle Wissenschaftler müssen überprüft werden, warum ich überhaupt das Land verlassen wolle usw. . Ein Freund von mir hat sich dann eingeschaltet. Durch seine Beziehungen bekam ich dann mehrere Tage später den aktualisierten Schein. Ich kaufte mir ein neues Ticket, fuhr zum Flughafen und war froh im Flieger zu sitzen

Wie glauben Sie, wird sich die Situation in der Türkei entwickeln?

Ich kann es nicht sagen. Derzeit findet eine kollektive Gehirnwäsche statt. Ob in der Metro, in Bussen, Schiffen oder öffentlichen Plätzen: Überall werden Bilder und Videos des gescheiterten Putsches gezeigt. Mit dramatischer Hintergrundmusik. Ich selbst habe mich dabei erwischt, als ich die inoffizielle türkische Nationalhymne der Nationalisten "Ich würde für meine Türkei sterben..." gesummt habe. Zudem leben viele Menschen in ständiger Angst davor, denunziert zu werden. Ihre Existenz steht auf dem Spiel. Kurzum: Ich bin sehr pessimistisch was die Zukunft angeht. Ich glaube, es wird noch schlimmer und hoffe, dass ich in Deutschland bleiben kann.

Die Fragen stellte Özkan Canel Altintop

Quelle: 01.08.2016, 10:53 Uhr | Özkan Canel Altintop, t-online.de

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