Freitag, 22. Juli 2016

Massenverhaftungen in der Türkei - Schiesst sich Erdogan ins eigene Knie?

Thema: Putschversuch

Massenverhaftungen
Schiesst sich Erdogan ins eigene Knie?

von Ann Guenter
Präsident Erdogan lässt Polizei und Armee säubern. Tausende Namen stehen auf Verhaftungslisten. Wieso waren die so schnell zur Hand – und wirkt sich das auf die Sicherheit aus?

Nach der Niederschlagung des Putschversuchs durch regierungstreue Soldaten und Polizisten kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan ein hartes Vorgehen gegen die Putschisten sowie die «Säuberung» der Armee an. Er sprach von einem «Krebsgeschwür» im Staat, das es zu bekämpfen gelte.

Nach Angaben eines ranghohen Informanten werden rund 8000 Polizisten suspendiert. Etliche hochrangige Armeeangehörige wurden verhaftet. Einige am Putschversuch Beteiligte sollen inzwischen ins Ausland geflohen sein. Staatliche Medien meldeten, die Vernehmung von 27 Generälen habe begonnen, unter ihnen der mutmassliche Anführer des Staatsstreichs, Akin Öztürk.

Vorbereitete Verhaftungslisten?

EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn, der mit der Türkei über einen Beitritt des Landes zur EU verhandelt, warf der türkischen Regierung vor, den Putschversuch zur Ausschaltung innenpolitischer Gegner zu nutzen. Offenbar seien bereits Verhaftungslisten für einen günstigen Augenblick vorbereitet gewesen. Dieser Moment scheine am Wochenende gekommen zu sein. «Dass die Listen schon kurz nach dem Ereignis verfügbar waren, weist darauf hin, dass sie vorbereitet waren und sie zu einem bestimmten Zeitpunkt genutzt werden sollten», sagte Hahn. Und weiter: «Es ist genau das, was wir befürchtet haben.»

Türkei-Experte Kristian Brakel, Direktor der Instanbuler Heinrich-Böll-Stiftung, präzisiert gegenüber 20 Minuten indes: «Der türkische Justizsektor gilt seit Jahren als Hochburg der Gülen-Bewegung. Dass man in Ankara schon Listen von unliebsamen Personen in der Schublade hatte, wundert mich nicht.»

«Sicherheitspolitische Handlungsmöglichkeiten in Frage gestellt»

Fragt sich, wie es künftig um die Sicherheit in der Türkei bestellt ist, wenn im ganzen Land rund 8000 Polizeibeamte suspendiert und etliche hochrangige Armeeangehörige verhaftet werden – schiesst sich Erdogan sicherheitpolitisch so nicht selbst ins Knie? «Es gibt da zwei verschiedene Dimensionen: Natürlich muss die Regierung gegen diejenigen vorgehen, die versucht haben, eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen», sagt Brakel. «Andererseits werden mit den Säuberungen natürlich die Strukturen aufgerüttelt und die sicherheitspolitischen Handlungsmöglichkeiten in Frage gestellt.»

Vor allem bleibt die Frage, ob all diejenigen, die jetzt verhaftet werden, wirklich in den Putschversuch verwickelt waren. Erdogan muss vorsichtig sein, den Bogen nicht zu überspannen – doch für bedachtes Vorgehen ist er nicht gerade bekannt. «Wenn er das überschreitet, was die Soldaten als gerechtfertigt ansehen, wird das Misstrauen auch unter loyalen Offizieren zunehmen. Das zu riskieren, kann nicht das Ziel der Regierung sein», sagt Brakel.

Unbekannte Helikopter ohne Vorwarnung abschiessen

Erdogan steckt der Putschversuch noch in den Knochen. Das lässt sich auch daran ablesen, dass er zusätzliche Spezialkräfte der Polizei in Istanbul zusammenziehen lässt. Diese Kräfte werden mit gepanzerten Fahrzeugen an strategisch wichtigen Einrichtungen und Strassen der Metropole eingesetzt, meldet die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Der Polizeichef Istanbuls, Mustafa Caliskan, habe zudem den Befehl gegeben, unbekannte Helikopter ohne Vorwarnung abzuschiessen. Putschisten hatten bei ihrem Umsturzversuch in der Nacht zum Samstag Kampfjets sowie Helikopter gekapert und unter anderem das Parlament in Ankara bombardiert.

Sicher ist: Die Säuberungen in der Reihen der Sicherheitskräfte hinterlassen ein Vakuum. Und gerade in den niederen Chargen wird man vermutlich nicht sofort Ersatz haben. Aber, so Türkei-Experte Brakel, «die Arbeitslosenrate in der Türkei ist hoch – an Bewerbern mangelt es nicht.»

Mit freundlicher Genehmigung von 20min.ch

Kommentare

Troll
Wenn so viele beteiligt gewesen wären, wie nun verfolgt werden, wäre der Putsch geglückt!

Aschi Bern
Drahtzieher?
War das Ganze etwa getürkt??? Um dann die vorbereiteten Verhaftungslisten aus der Schublade zu ziehen?

Donna M.
Ein Gedanke
Ins eigene Knie wird er sich nicht schiessen. Aber, langsam kommt bei mir den Verdacht auf, Erdogan will nicht in die EU, um sein eigenes Ding durchziehen. Oder wieso liefert er mit der EU seit Monaten, wegen Kleinigkeiten, Verbale Scharmützel? Aber wie gesagt, es ist nur so ein Gedanke..

lexy
Können wir die nicht ignoriere?
Irgendwie kommt es mir vor als würden alle der Türkei zufiel Aufmerksamkeit schenken. Sollen die doch machen was sie wollen in ihrem Land. Nur weil sie sich für so wichtig nehmen oder Frau Merkel es tut ist es noch lange nicht so. Wir könne ganz gut ohne ein Land das Entwicklungstechnik noch in den Kinderschuhen steckt auskommen. Denke sogar das wir auf eine zusammen Arbeit verzichten müssen da das Land nicht stabil ist und wir uns nicht auf sie verlassen können. Fileicht sind sie in 50 - 100 Jahren soweit, würde es ihnen wünschen.

Jong
..eine Frage..
sorry aber sowas hat die Welt ja schon mal erlebt. Für mich ist es eine ganz gefährliche Zeit. Erleben wir einen weiteren Weltkrieg?

    flower_kings
    @Jong
    Ja, wir haben ihn bereits...

    Oha80
    @Jong
    Wir stehen kurz davor. Bürgerkriegsähnliche Zustände wo man hinsieht. Russland, Syrien und die Türkei, inkl. Nato, die bestens vorbereitet sind. Und wir alle als Europäische Staatenbürger hängen genauso mit drin wie die USA. Und ja, auch die Schweiz. Dann gibt es "den" Knall... Asien hat ähnliche Scharmützel am laufen. Ein Krieg der um Rest-Ressourcen geht und die Weltherrschaft, die Dezimierung der Überbevölkerung. Aber eben, glaubt ja leider eh keiner...musste trotzdem mal raus. Passt auf euch auf...

1 Kommentar :

  1. Der Warnschuss!

    Der gescheiterte Putsch in der Türkei wurde mit voller Absicht derart dilettantisch organisiert, um Präsident Erdogan einen finalen Schuss vor den Bug zu setzen.

    Die Anweisungen kamen aus Washington und hatten eine unmissverständliche Botschaft. Sollte die Türkei weiter den antirussischen Kurs der NATO für sich ausnutzen, um auf eigene Rechnung zu arbeiten, dann müsste Washington nur mit dem Finger schnippen und der Regime-Change in Ankara wäre eingetütet.

    Fakt ist: Erdogan macht im destabilisierten Syrien Ölgeschäfte mit dem IS, an denen er sich persönlich bereichert.

    Erdogan bekämpft im Rahmen des inszenierten Krieges gegen Assad Kurden, wo immer er sie antrifft.

    Das alles wäre dem Pentagon egal, würde Erdogan sich nicht wieder bestens mit Putin verstehen - ein Staatsbesuch in Moskau ist in Planung.

    Wie weit die USA bereit sind zu gehen, konnte wer wollte erkennen, als es 2015 zum Abschuss eines Russischen Kampfjets an der syrisch-türkischen Grenze kam. Nur die Türkei hatte damit gar nichts zu tun!

    Die Strippen zog das Pentagon. Ziel war es, einen NATO-Krieg gegen Russland über den Hebel Türkei vom Zaun zu brechen. Doch Putin reagierte erneut besonnen und tappte nicht in die Falle eines Krieges mit dem größten Militärbündnis der Welt. Heute wissen wir, dass es eine AWACS-Maschine aus Saudi Arabien war, die den Abschuss der russischen Suchoi SU 24 begleitete.

    Das alles sind schwere Anschuldigungen, getätigt von keinem geringeren als Willy Wimmer. Wimmer arbeitete unter Helmut Kohl jahrelang im Verteidigungsministerium und später als Vizepräsident der OSZE. Wimmer weiß spätestens seit dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien, zu was das Pentagon fähig ist, wenn es darum geht, die geopolitische Landkarte zu Gunsten des Imperiums auszudehnen.

    Erdogan wurde von Washington verwarnt, so Wimmer.

    *
    https://www.wsws.org/de/articles/2016/07/19/turk-j19.html

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