Dienstag, 19. Januar 2016

Hart aber Fair - Darf man den Medien wirklich nichts mehr glauben?

Thema: Medien

TV-Kritik: "Hart aber Fair"
Darf man den Medien wirklich nichts mehr glauben?

Von Marc L. Merten
Wenn eine freie Journalistin des WDR in einer Radio-Talkshow erklärt, die öffentlich-rechtlichen Medien seien "angewiesen, pro Regierung zu berichten", dann ist das eine dramatische Aussage. Wenn sie sich tags darauf entschuldigt, "unter Druck totalen Quatsch“ erzählt zu haben, macht es das nicht besser. Im Gegenteil.

Es ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die "Lügenpresse" in ihr tägliches Vokabular aufgenommen haben. Aber was ist dran am Vorwurf, deutsche Medien würden tendenziös berichten? Das diskutierte "Hart aber Fair“ am Montagabend.

"Frisierte Polizeiberichte, bevormundete Bürger – darf man bei uns noch alles sagen?" So lautete eigentlich das Thema der Sendung in der ARD. Es hätte lauten müssen: "Lügenpresse, Nanny-Journalismus und Hofberichterstattung - darf man den Medien noch alles glauben?" Frank Plasberg hatte seine Sendung am Montag zur großen Abrechnung mit der eigenen Zunft erklärt und dabei die passenden Leute eingeladen. Allein, Vertrauen in die Medien wieder aufzubauen, sieht anders aus.

"Jeder beschimpft die andere Seite"

Das lag zum einen an Alexander Gauland, dem stellvertretenden Parteichef der AfD. Seine Partei hat sich den Begriff "Lügenpresse" zu eigen gemacht und findet, wie Gauland erklärte, dass dieser Ausdruck "etwas Richtiges darstellt", weil die Medien mit den politischen Eliten vernetzt seien und gemeinsam für die Willkommenskultur kämpften. Die Symbolfigur dieser "Propaganda-Berichterstattung" sei die NDR-Journalistin Anja Reschke, die im Jahr 2015 zur Journalistin des Jahres gekürt wurde.

Wie passend, dass Reschke selbst anwesend war. Sie habe nichts von ihrer Symbolkraft gewusst, erklärte sie. Wovon sie aber zu berichten wusste, war die große Kluft, die sich wegen der Flüchtlingsdebatte und noch viel stärker seit den Silvester-Vorfällen in Köln durch die deutsche Gesellschaft zieht. Eine Flüchtlingsdebatte, die nur in Schwarz und Weiß geführt wird. Eine Medienkritik, die Journalisten als Marionetten Merkel’scher "Wir-schaffen-das"-Politik denunziert. "Jeder malt sich sein Schwarz oder sein Weiß und beschimpft die andere Seite, dass sie nicht richtig berichten würde." Differenzierte Berichterstattung wolle keiner mehr hören.

Medien müssen sich Rolle zurückholen

Nach Reschkes Meinung dürfte dazu wohl auch Claus Strunz beigetragen haben. Reschke und der leitende Journalist bei Axel Springer, nicht gerade in Freundschaft vereint, saßen nebeneinander und schienen die Anwesenheit des anderen nur schwer zu ertragen. Nachdem er seine Kollegin wie ein kleines Schulmädchen getadelt hatte, weil diese von den Problemen mit Flüchtlingen nur eine Seite der Medaille sehen wolle, erklärte Strunz: Die deutschen Medien müssten aufpassen, nicht den Eindruck einer "de-Maizièrisierung" zu erwecken. Man müsse sagen, was Sache sei, anstatt wegzulassen, was verunsichern könne.

Ohne es direkt auszusprechen, war es Sebastian Krumbiegel, der Strunz den Spiegel vorhielt, indem er den Gewaltforscher Andreas Zick zitierte: "Wir sitzen in einer Populismus-Falle." Er pflichtete Reschke bei, dass Schwarz-Weiß-Denken nicht helfe. Die Vorfälle in Paris hätten die Menschen paralysiert, der Skandal von Köln das Vertrauen erschüttert. Er warnte davor, die Themen Terrorismus, Flüchtlinge und Sexismus undifferenziert in einen Topf zu werfen. Denn genau diese Vermengung führe zu jenem Vokabular, dass insbesondere von Pegida-Anhängern benutzt werde. Für diese Differenzierung der Themen seien die Medien zuständig. Und diese Rolle müssten sich die Medien wieder zurückholen.

Göring-Eckardt ausgebremst

Diejenige, die die Medienkritik aus der rechtspopulistischen Ecke mit Gauland und der AfD verknüpfen wollte, war Katrin Göring-Eckardt. Allein, sie durfte nicht so recht, weil Frank Plasberg die Grünen-Politikerin immer wieder daran hinderte, den Bezug zwischen der politischen Ausrichtung der AfD und dem Misstrauen in die deutschen Medien zu verbinden. Ein Fehler, wie sich am Ende der Sendung herausstellte: Denn dann hätte Plasbergs letzter Einspieler noch mehr Wirkung erzielt.

In diesem entlarvte die ARD den immer wieder mit dem Begriff "Wahrheit" hantierenden Gauland selbst als Lügner und Weglasser von Kontexten. Der Brandenburger Franktionschef hatte Jürgen Trittin auf einer Demonstration falsch zitiert, woraufhin der Grünen-Politiker von den Demonstranten als Volksverräter beschimpft wurde.

Reschke und Strunz in einem Punkt einig

Aber zurück zur Medienschelte: Gauland fand, die Vorfälle in Köln hätten zu einem "Zusammenbruch der öffentlich-rechtlichen Schweigespirale" in der Diskussion um die Flüchtlinge in Deutschland geführt. Es verwunderte nicht, dass Reschke dagegen hielt und ihm riet, künftig aufmerksamer die mediale Berichterstattung zu verfolgen. Denn: "Ich kann nichts dafür, dass wir es berichten, die Menschen es aber nicht sehen wollen." Zu diesen Menschen zählte sie ganz offenbar auch Gauland.

Es war der Punkt, an dem Reschke und Strunz einer Meinung waren. Auch, wenn es keiner der beiden so aussprach. Strunz aber legte den Finger in jene Wunde, die Plasberg in seiner Sendung eigentlich hätte behandeln wollen: Die Diskreditierung und Diffamierung jener, die kritisch hinterfragen, wo die Probleme der Flüchtlingspolitik liegen, ohne dabei rechtspopulistisch zu werden.

Bei jedweder Kritik an Merkel und ihrer Politik – nicht nur von den Medien, sondern aus der eigenen politischen Mitte – käme sofort der Hetzer- und Rassismus-Vorwurf wie eine moralische Keule. Kritiker sollen mundtot gemacht werden. Eine Entwicklung, unter der die deutsche Demokratie wohl noch viel eher leiden würde als unter Alexander Gauland und dessen Vorwurf der "Lügenpresse".
Quelle: t-online.de

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