Samstag, 4. Oktober 2014

IS: Mythos aus der Vergangenheit - wirklich?

Thema: IS
T-Online
Mythos aus der Vergangenheit
Die mächtige Vision des "Kalifen Ibrahim"

03.10.2014, 12:58 Uhr | t-online.de, dpa
Diesmal sind es die syrischen Kurden, die die militärische Kraft der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu spüren bekommen. Seit Tagen bombardieren die Extremisten die Stadt Kobane im Norden Syriens mit allem, was sie haben. Täglich regnen Granaten auf den kurdischen Ort an der Grenze zur Türkei. Die Dschihadisten rücken immer näher. Um ihren Gegnern und der Welt Angst einzujagen, verbreiten sie im Internet Bilder ihrer Waffen. Sie zeigen Panzer, schwere Artillerie und Kämpfer, die zu allem bereit zu sein scheinen.

Es sind die üblichen Machtposen einer Miliz, die längst zu einer Gefahr für die ganze Welt geworden ist. Bislang konnten auch die Luftangriffe der internationalen Koalition die Extremisten in Syrien nicht stoppen. Weder andere Rebellen noch Kurden noch die Truppen des Regimes haben ihnen etwas entgegenzusetzen. Ein Video der kurdischen YPG vom Samstag zeigt die mörderischen Kämpfe um Kobane.

Spätestens hier muss man einmal einhaken:
Woher haben sie denn die schweren Waffen? Wer liefert denn die schweren Waffen an die IS, obwohl er genau weiss, was damit geschieht?
Seymour Hersh , der preisgekrönte Enthüllungsjournalist, erklärte wie der US-Senat Informationen über die CIA und die Belieferung der Dschihadisten mit Waffen in Libyen verdeckte.
Eine geheime Zusatzvereinbarung zum Vertrag der USA mit der Türkei bzw. von Obama mit Erdogan regelte Anfang 2012 die Vorgehensweise im Konflikt.
Es bezog sich auf die Rattenlinie.
Laut Vereinbarung finanzierte die Türkei als Nato-Land als auch Saudi Arabien und Katar die Waffenlieferungen an Dschihad-Söldner in Syrien, die beispielsweise über die Türkei einsickern sollten. Der CIA und der britische MI6 sollten diese globalen Aktionen gegen Syrien koordinieren und die genaue Verteilung der Waffen regeln.[...]
Im April gab es Berichtete über Waffenlieferungen der USA an die in Syrien militantesten Gruppen, die Al Kaida und die Al Nusra Front. Angeblich würden die Waffen insbesondere an " moderate Söldner" geliefert. Es wurde dabei verschwiegen, dass die FSA und andere Milizen gemeinsame Waffendepots unterhalten und Waffen untereinander teilen.



Doch nicht nur die militärische Kraft macht den IS so gefährlich. Dschihadisten, die Gewalt ausüben, gibt es in vielen Ländern. Der IS aber gibt sich nicht damit zufrieden, Anschläge zu verüben und einen Staat zu destabilisieren. Die Vision der Miliz ist größer: Sie will die alte politische Ordnung zerstören und einen eigenen Staat aufbauen, den sie "Islamisches Kalifat" nennt.

Suche nach dem "Rechtgeleiteten"

Der Kalif - zu deutsch "Stellvertreter" - ist ein Konzept aus den glorreichen Anfangstagen des Islam. Nach dem Tod des Propheten Mohammed musste ein Mann, ein Stellvertreter, gefunden werden, der sein Werk fortsetzte. Und schon bald brach Krieg um die Frage aus, wer das sein sollte.
Die ersten vier Kalifen, die "Rashidun", zu deutsch die "Rechtgeleiteten", waren noch Weggefährten Mohammeds gewesen. Dann folgte die Dynastie der Umayyaden in Damaskus, dann die der Abbasiden in Baghdad, die 1258 von den Mongolen ausgelöscht wurde. 1517 übernahmen die türkischen Osmanen.

Unsere wichtigsten Themen

Als deren letzter Kalif 1922 unter Kemal Atatürk ins Exil geschickt wurde, entstand sofort eine weltweite "Kalifats"-Bewegung, die einen neuen Stellvertreter Mohammeds, oder Gottes, je nach Lesart, installieren wollte.

IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi - "Kalif Ibrahim" genannt - scheint viel von dem auf sich vereinigen, von dem Kalifats-Romantiker schon lange geträumt haben: Macht, militärische Schlagkraft und ein staatliches Konzept.

Alte Grenzen gelten nicht mehr

Jetzt gewinnt die Bewegung Woche für Woche an Kraft. Die alten Grenzen, die einst Briten und Franzosen zogen, gelten für sie nicht mehr. Ihr Reich wollen sie auch auf die Nachbarn Syriens und des Iraks ausdehnen. Der Islamische Staat sei nicht einfach nur eine Terrormiliz, schrieb der Leiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Volker Perthes, vor kurzem in der "Süddeutschen Zeitung" und schlussfolgerte: "Richtiger wäre es, von einem dschihadistischen Staatsbildungsprojekt zu sprechen."

Für Außenstehende mag das Ziel eine Illusion sein. Tatsächlich aber haben die Extremisten in weiten Teilen Syriens und des Iraks längst quasi-staatlich Strukturen errichtet. Sie erheben Steuern und setzen ihre moralischen Regeln mit aller Härte durch. "Scharia-Gerichte" verurteilen Menschen, die gegen die radikale Interpretation des islamischen Rechts verstoßen. Der IS fördert Öl, das er im Ausland verkauft - und dafür täglich Millionen kassiert. Sogar eigene Pässe sollen die Dschihadisten schon ausgegeben haben.

Der IS und sein Anführer Bagdadi haben vieles aufgebaut, wovon der frühere Al-Kaida-Chef Osama bin Laden nur träumen konnte. Längst hat der IS dem Terrornetzwerk im Wettbewerb der internationalen Dschihadisten den Rang abgelaufen. Als "Kalif" nimmt Al-Bagdadi für sich in Anspruch, Oberhaupt aller Muslime auf der Welt zu sein.

Vor allem auf jüngere Muslime wirkt das attraktiv. Immer wieder gibt es Berichte über Kämpfer, die sich den Dschihadisten anschließen. Zehntausende kämpfen mittlerweile in den Reihen oder an der Seite der Terrormiliz. Viele Sunniten haben sich auch deswegen den Extremisten angeschlossen, weil sie sich von der schiitischen Regierung im Irak und dem alawitischen Regime in Syrien diskriminiert fühlen.

Spektakulärer Bruch mit Al-Kaida

Die Politik der Machthaber in Bagdad und Damaskus hat eine Miliz groß werden lassen, die nach nach dem Sturz von Langzeitherrscher Saddam Hussein zunächst als Al-Kaida-Ableger im Irak gegen die US-Armee kämpfte. Danach benannte sie sich mehrmals um.

Als sie im syrischen Bürgerkrieg eingriff und sich ins Nachbarland ausdehnte, gewann sie als "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) Bekanntheit. Doch weil Al-Bagdadi alle Dschihadisten in Syrien unter seine Kontrolle bringen wollte, kam es zum Bruch mit Al-Kaida. Ohne die Bindung an das Terrornetzwerk war der Weg für den Dschihadistenführer frei, sich zum Kalifen auszurufen und der Miliz den Namen "Islamischer Staat" zu geben.

Herbert Landolin Müller, Islamismusfachmann des Landesamtes für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg, geht davon aus, dass sich der IS-Idee eines eigenen "Islamischen Kalifats" noch viel mehr Sympathisanten anschließen werden - auch in Deutschland. "Ich rechne mit einer Zunahme von Unterstützern. Und es gibt noch eine Grauzone, die für uns bislang verborgen bleibt. Wir können aber nicht an jedem Grenzposten stehen."

Die Sehnsucht und Suche unter anderem nach Lebenssinn, unreflektiertem Heldentum und Anerkennung durch die Gemeinschaft. Insofern hätten die IS-Milizen mit dem Ausrufen eines "Islamischen Kalifats" in Syrien und dem Irak ins Schwarze getroffen. Syrien sei für Islamisten ein mythisches Land und damit ein Riesenmagnet. "Die Leute sitzen aber einer Propaganda und einer Scheinwelt auf, die nur religiös verbrämt ist."

Wer immer gegen den IS vorgeht, wird einen langen Atem brauchen. Militärische Macht allein dürfte nicht ausreichen, denn wer ihn besiegen möchte, muss auch seine Idee und Vision zerstören. Immerhin haben die Kurden im Nordirak gezeigt, dass die Extremisten nicht unbesiegbar sind. Vor einigen Tagen befreiten die Peschmerga mehrere Orte, die in die Hände der Terrormiliz gefallen waren.

Liebe Leserin, lieber Leser, zu diesem Thema ist keine Kommentierung möglich. Weitere Hinweise finden Sie in unserer Netiquette. Wir danken für Ihr Verständnis.

» der Kommentar des Blogschreibers «
Ja werte T-Online, diesmal hat das alte System der USA mal wieder versagt:
der Feind meines Feindes ist mein Freund.
Wie sooft haben sie auch hier die Gegner lange Zeit mit Waffen versorgt bzw. in Kauf genommen, dass sie von Saudi-Arabien und Katar mit ihren Waffen versorgt wurden. Jetzt ist es wohl aus dem Ruder gelaufen. Aber sagt mal, was soll denn das: Ölquellen bombardieren um den IS die Finanzierung abzustellen? Noch blöder geht's wohl nicht mehr?
Warum sanktioniert ihr nicht die Staaten, die denen das Öl abkaufen?
Ach so, - geht nicht, - sind europäische, aha!



Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen