Freitag, 29. August 2014

Ukrainische Armee gerät in die Defensive

Thema: Kampf um den Osten

Im Kampf um die Ost-Ukraine scheint die von Kiew befehligte Armee in die Defensive zu geraten. Der private US-Geheimdienst Stratfor hat Erfolge der Rebellen beobachtet. Die Amerikaner fürchten, dass der Krieg den ganzen Winter dauern könnte. Wegen der militärischen Lage und der negativen Wirkungen der russischen Sanktionen sucht Deutschland still und leise nach einem Ausstieg ohne Gesichtsverlust. Berlin kann sich plötzlich auch eine Teilung der Ukraine vorstellen.

Das ukrainische Militär ist in der Ostukraine offenbar in die Defensive geraten. 13 von 15 ostukrainischen Städten sind unter der Kontrolle der Separatisten. Lediglich in den Städten Ilowaisk und Charzysk hat das Militär noch die Oberhand. Doch auch dort ist die Lage aus Sicht der Ukraine und des mit Kiew verbündeten Westens besorgniserregend.

Die Rebellen haben die Truppen des Militärs weitgehend eingekreist, wie Itar-TASS meldet. Die Verbände werden an vielen Stellen von den Separatisten aufgerieben. Die anfänglichen Erfolge des ukrainischen Militärs sind verpufft, die groß angekündigte Erstürmung von Donezk musste vorerst abgeblasen werden – und das, obwohl die Ukraine ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung mit Raketen auf die Stadt geschossen hat. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat die Ukraine und die Rebellen für ihre Kriegsführung scharf kritisiert. Der private US-Geheimdienst Stratfor hat eine Karte erstellt, der die missliche Lage der ukrainischen Armee verdeutlicht.

Nun fürchten die Amerikaner, der Krieg könne sich noch Monate hinziehen. Die Position der Ukraine dürfte sich in einem langen Krieg nicht verbessern. „Der Herbst und der Winter werden die Kämpfe verlangsamen“, zitiert CNN den Chef-Analysten des privaten US-Geheimdienstes Stratfor, Robert D. Kaplan. Das Kampfgebiet wird schlammig und schwer zugänglich werden. Die Russen könnten dagegen auf Zeit spielen und Kiew mit der Drohung unter Druck setzen, dem Land den Gashahn zuzudrehen.

Die Ukraine versucht daher, die Amerikaner zu einem stärkeren militärischen Engagement zu bewegen. Am Dienstag veröffentlichte Kiew ein Video, das gefangengenommen russische Falschirmjäger zeigen soll. Damit sei, so Kiew, der Beweis erbracht, dass Russland die territoriale Integrität der Ukraine verletze. Etwa 50 gepanzerte Fahrzeuge sollen nach ukrainischen Militärangaben im Südosten über die Grenze eingedrungen sein. Das Militär äußerte die Vermutung, dass damit eine „zweite Front“ bei Mariupol geschaffen werden soll. Die Separatisten wie auch Moskau wiesen die Vorwürfe zurück. Die Region Mariupol ist die Landverbindung zwischen Russland und der von Moskau im März einverleibten Halbinsel Krim. Die Sicherheitsberaterin von US-Präsident Barack Obama, Susan Rice, erklärte in der Nacht zum Dienstag über Twitter, das wiederholte russische Eindringen in die Ukraine stelle eine erhebliche Eskalation dar.

Beweise für die globale Eskalation konnten die Amerikaner bisher nicht erbringen: Der Abschuss der malaysischen Boeing 777 mit der Flugnummer MH17 war von Washington als der Grund genannt worden, warum die EU drastische Sanktionen gegen Russland zu verhängen habe. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte am Montag beklagt, dass das westliche Interesse an der Aufklärung nach dem Inkrafttreten der Sanktionen schlagartig erloschen sei, Er forderte die Freigabe der von Kiew unter Verschluss gehaltenen Funksprüche.

Doch die Sanktionen der EU erweisen sich zunehmend als Bumerang: Der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft rechnet wegen des russischen Import-Boykotts mit dem Verlust von 50.000 Arbeitsplätzen in Deutschland. Vor allem im deutschen Mittelstand herrscht Verärgerung über die eigenen Lobby-Verbände, deren Funktionäre sich offenkundig im Sommerurlaub befanden und bei der Bundesregierung nicht laut und deutlich auf die Folgen der Sanktionen hingewiesen haben.

Auch im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sei eine geradezu gespenstische Apathie zu beobachten gewesen, sagten Unternehmer den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Der BDI war willenlos dem Vorhaben der Bundesregierung gefolgt und habe lediglich darauf gesetzt, in späteren Verhandlungen den Schaden vom Steuerzahler refundiert zu erhalten. Der BDI habe nicht erkannt, welch verheerende Wirkung die Sanktionen auf die wichtigen deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen haben werde, sagte ein Unternehmer den DWN. Die EU ist nervös, weil die Landwirtschaft in mehreren Staaten in eine existenzbedrohende Lage gerutscht ist und die Erstattung der Umsatzausfälle durch den europäischen Steuerzahler fordert.

Daher sondiert die deutsche Außenpolitik diskret nach einem Ausweg aus der verfahrenen und teuren Situation: Von den deutschen Medien kaum beachtet, hat sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel überraschend für eine Föderalisierung der von Kämpfen zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten erschütterten Ukraine ausgesprochen. Gabriel sagte: „Die territoriale Integrität der Ukraine kann nur erhalten werden, wenn man den Gebieten mit russischer Mehrheit ein Angebot macht.“ Gabriel in einem Interview mit der Zeitung Welt: „Ein kluges Konzept der Föderalisierung scheint mir der einzig gangbare Weg zu sein.“ Ziel der deutschen Bemühungen sei es vor allem, eine unmittelbare militärische Konfrontation zwischen der Ukraine und Russland unter allen Umständen zu verhindern, sagte Gabriel.

Kaum eine Chance sieht der Minister für eine Rückkehr der Halbinsel Krim zur Ukraine: „Niemand geht wohl derzeit davon aus, dass die Annexion der Krim durch Russland schnell rückgängig gemacht werden kann.“ Gabriel sprach in seiner Funktion als Vizekanzler und Wirtschaftsminister: Er ist gewissermaßen His Mistress‘ Voice, denn Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in einigen Interviews ebenfalls einen Schwerpunkt darauf gelegt, dass Russland sein Gesicht nicht verlieren dürfe.

Als Wirtschaftsminister scheint Gabriel zu erkennen, dass die Sanktionen die Euro-Krise schlagartig wieder verschärfen könnte. Der Sturz der französischen Regierung hat in Berlin zu großer Nervosität geführt. Merkel hatte dem französischen Präsidenten Francois Hollande vor dem Rücktritt des Kabinetts Valls II aus Spanien „alles Gute“ gewünscht. Die Rechnung der EU, mit einer nostalgischen Rückkehr zum Kalten Krieg die rechten, euroskeptischen und rechtsextremen Parteien in den EU-Staaten zu isolieren, geht nicht auf. So sehr sich alle Europäer für den Frieden begeistern: Es ist der Öffentlichkeit nicht klarzumachen, warum ein mehr oder weniger mutwillig vom Zaun gebrochener militärischer Konflikt innerhalb weniger Wochen tausende Arbeitsplätze in Europa vernichten soll. Diese Entwicklung, so dämmert es auch den Technokraten in Brüssel, wird die Wähler den extremen Parteien zutreiben.

Die EU als Friedensprojekt haben sich meisten Europäer doch ganz anders vorgestellt. Martialische Figuren wie der dänische Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bringen die Europäer auf die Palme. In einem Beitrag für das ARD-Magazin Monitor sagte der als ausgesprochen besonnen geltende Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Eberhard Sandschneider, dass sich die Nato seit dem Fall der Mauer „auf der Suche nach einem neuen Feindbild“ befinde. Dazu betreibe Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen eine „verantwortungslose Politik des Verbalradikalismus“.

Die militärische Schwäche der ukrainischen Armee macht es Putins gut ausgebildeten Truppen leicht, den für die russische Rüstungsindustrie unverzichtbaren Donbass unter Kontrolle zu bekommen. Bezeichnenderweise hat man in diesem Krieg viele Bilder von zerstörten Krankenhäusern und Wohnvierteln gesehen. Die für die Rüstungsexporte nach Russland wichtigen Waffenschmieden des Donbass scheinen bisher jedoch nicht beschädigt worden zu sein.

Sigmar Gabriels vorsichtiger Schmusekurs, der von der FT zu Recht als signifikante Wende bezeichnet wird, dürfte der Einsicht geschuldet sein, dass Deutschland und die EU in diesem Konflikt nichts zu gewinnen haben. Schon jetzt ist es Putin gelungen, die Europäer als Zahlmeister über den Tisch zu ziehen: Durch die nicht reflektierte Parteinahme der EU für eine durch und durch korrupte politische Klasse in Kiew müssen sich nun die europäischen Steuerzahler darum kümmern, wie die offenen Milliarden-Rechnungen von Gazprom bezahlt werden. Bis zum Ausbruch des Konflikts war dies allein Putins Problem gewesen. Während sich die EU-Kommissare mit saftigen Gagen in den Vorruhestand verabschieden, müssen sich die deutschen Steuerzahler auf Milliarden-Zahlungen für die Ukraine einstellen.

Die Amerikaner sind durch den neuen IS-Terror im Irak abgelenkt und hoffen, wie so oft in ihrer bellizistischen, aber nicht durchdachten Außenpolitik, auf ein Wunder.

Es könnte ein weiß-blau-rotes Wunder werden.

Mit freundlicher Genehmigung von DEUTSCHE WIRTSCHAFTS NACHRICHTEN


Kommentare

Ekkehardt Fritz Beyer sagt:
Hat Deutschland den nächsten Krieg gegen die Russen nun schon fast verloren, auch wenn er zusammen mit den Verbündeten „indirekt“ geführt wird?
https://www.youtube.com/watch?v=4QvTzNZnamE
Die Erkenntnis Gabriels, dass „Deutschland und die EU in diesem Konflikt nichts zu gewinnen haben“ kommt viel zu spät. Man hätte sich vor Beginn des EU-Experiments zumindest am Versuch der schon 1954 aus ähnlichen Gründen gescheiterten „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ orientieren „müssen“. http://de.bab.la/woerterbuch/englisch-deutsch/european-defence-community
Ich hoffe, dass selbst Obama endlich merkt: Schon aus geographisch/wirtschaftlichen aber auch ethnischen Gründen wird sich seine NWO selbst mit Gewalt nicht durchsetzen lassen!

Spitzer Stachel sagt:
Frau Merkel rudert zurück und die Medien schweigen:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=22961

The veritas valebit sagt:
„Diese Entwicklung, so dämmert es auch den Technokraten in Brüssel, wird die Wähler den extremen Parteien zutreiben“.
Der Öffentlichkeit muss nichts mehr klargemacht werden – denn sie hat bei dieser schlimmen Aktion längst erkannt – wer die äußerst extremen Parteien sind!
Die jetzige Regierung hat Deutschland ganz nah an den 3. Weltkrieg geführt – daran gibt es absolut keinen Zweifel mehr – dass haben auch die Menschen verstanden.
Schlimmer geht es wohl kaum noch in sogenannten Friedenszeiten – Handlanger, Täter und Mittäter gleichzeitig zu sein, ist für diese Regierung nicht mehr wegzudiskutieren – auch wenn fleißig daran gearbeitet wird – den Mord an fast 300 Menschen der MH17 zu kaschieren – er lässt sich nicht ungeschehen machen.
Genau dieses Verhalten macht alles nur noch schlimmer!

Fatson sagt:
Am 7. August hat ein in der New Straits Times – Malaysias führender englischsprachiger Tageszeitung – veröffentlichter Bericht[1] die durch die Vereinigten Staaten und Europa hofierte Kiewer Regierung der Ukraine für den Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs MH 17 über der Ostukraine im letzten Monat verantwortlich gemacht
Quelle:http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20698

Edelweiß sagt:
Und jetzt sollen wir uns wohl freuen, dass die EU-Politiker und vor allem die dt. Regierung nach 2000 Toten und riesigem Schaden für D. und vor allem auch die Krisenländer (Griechenland u. Spanien-Obst- u. Gemüseexporte usw.)
nach Monaten völliger Blödheit ihr bißchen Verstand einschaltet????

Cleopatra sagt:
Der Schuß ist wie alles was die EU anpackt auch hier gründlich in die Hose gegangen.
Aber nicht nur das, die Auswirkungen werden noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte anhalten.
EU hör endlich auf zu existieren, ihr Brüsseler Bastler könnt es nicht, der aktuelle Schaden ist gigantisch!

hp sagt:
Jeder vernünftige und besonnen denkende Mensch hat es gewusst: der Konflikt mit der Ukraine ist ein Rohrkrepierer- er schlägt voll und mit totaler Wucht auf die EU und die BRD zurück. Die USA juckt das wenig- wir müssen den Schaden bezahlen: NULL Geschäfte zukünftig mit Russland, Höhere Gaspreise und Unsicherheit bei Lieferungen, Steuererhöhungen, EU-Steuern, EU-Massnahmen drakonischer Art und Erpressung, NATO-Kosten extrem rauf, Sozialkosten extrem rauf….
Der Katalog liesse sich noch weit verlängern. Merkel hat weder Verstand noch Übersicht… sie fährt auf Sicht und seit 13 Jahren ist bei IHR NEBEL.
Sie sollte ganz schnell die Vertrauensfrage stellen und Neuwahlen ausrufen!

ARichelieu sagt:
Meine Hochachtung für die DWN!
Ich habe lange nichts gelesen, was so konzentriert und aussagefähig die gegenwärtige Situation beschreibt.
Es ist aber wiedermal zum Lachen, wie “unsere” Politiker eine “Wende” vollziehen. Sie habe eben aus falsche Pferd gesetzt und spät gemerkt, dass man von der US-Regierung manipuliert worden ist.
Sanktionen aufgrund von Beweisen, die die USA immer noch schuldig bleiben – also hat wohl auch die Bundesregierung gemerkt, dass sie einem Fake aufgesessen sind.
Und dass die Finanzierung der Ukraine (Krieg, Waffen, noch mehr Krieg, Zahlung der Rechnungen der U., Fass ohne Boden…) letztendlich an D. hängen bleibt.



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